Nicht gesellschaftsfähig

Einst Serienmeister der DDR, fristet der BFC Dynamo heute ein tristes Dasein in der Oberliga und soll wieder mal vor der Pleite stehen. Gleichwohl provoziert der Klub immer noch heftige Emotionen. Das liegt an seiner Vergangenheit als Hätschelkind des Stasi-Chefs Erich Mielke und an seiner Gegenwart als Abenteuerspielplatz dunkler Gestalten.
Seit zwei Jahren ist Mario Weinkauf nun Präsident des BFC Dynamo. Ob er das Amt noch einmal antreten würde mit dem Wissen von heute? Er schweigt, lockert seinen Krawattenknoten und blickt gedankenverloren zu Boden, Mit Ja oder Nein möchte er diese Frage nicht beantworten, stattdessen erzählt er eine Geschichte: Vor nicht allzu langer Zeit wurde Weinkauf zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Er hatte einen unverkrampften Plausch erwartet, über die Niederungen des Fußballs, seine Probleme und Sehnsüchte.

Es kam anders. Wie ein Verbrecher stand er am Pranger und wurde mit bösen Fragen beworfen. Nach der Veranstaltung kam ein Mann auf ihn zu und bot ihm 50.000 Euro an. Seine Bedingung: Mario Weinkauf müsse den BFC sterben lassen. In diesem Moment wurde ihm mehr denn je bewusst, was es bedeutet, an der Spitze dieses Vereins zu stehen. Er muss nicht nur eine Lösung für die herkömmlichen Probleme finden, die hohen Schulden, die unprofessionellen Strukturen. Er muss auch gegen die Last der Vergangenheit kämpfen, gegen einen Hass, der historisch gewachsen ist. In der Öffentlichkeit hat sich ein Bild manifestiert: Der BFC wird als klaffende Wunde des deutschen Fußballs beschrieben. Als der tief gefallene Rekordmeister der DDR, der einst von Erich Mielke verhätschelt wurde, dem Leiter des Ministeriums für Staatssicherheit - und der nun in der viertklassigen Oberliga die tiefbraune Hochburg der Hooligans stellt. Diese Wahrnehmung ist nicht aus der Luft gegriffen, doch sie ist stark vereinfacht.

Wie ein Zirkusartist auf dem Hochseil balanciert der BFC seit der Wiedervereinigung am Abgrund entlang. In der Führungsriege wurden viele Fehler begangen, trotzdem hatte kein deutscher Verein mehr unter einer Vorverurteilung zu leiden als der BFC. In der Aufarbeitung seiner Geschichte fehlt eine ausgewogene Argumentation, es gibt kein Pro und Contra, sondern nur den ultimativen Richterspruch. "Manche Leute würden am liebsten mit der Kettensäge durch den Verein gehen", sagt Weinkauf, 44, von Beruf Regionalleiter eines Telekommunikations-Unternehmens. Vor zehn Jahren meldete er seinen Sohn in der Jugendabteilung des BFC an. Irgendwann engagierte er sich im Elternsport, der Klub wuchs ihm ans Herz, er wollte ihn gesellschaftsfähig machen. Heute wird er als Chef einer Nazi-Kolonne und Stasischwein beschimpft, seinen Kindern geht es nicht anders. In seiner Firma gerat er in Erklärungsnot, die Kollegen fragen: Warum tust du dir das an?

Mario Weinkauf hat oft an Rücktritt gedacht: "Auf die Dauer ist das nicht durchzustehen." Für viele Ostdeutsche ist der BFC noch immer ein Symbol für die schlechten Seiten der DDR, hier kann jeder seine persönliche Rache an der Geschichte nehmen. Es ist erwiesen, dass die besten Spieler damals zum BFC delegiert wurden, und dass einige der zehn in Serie gewonnenen Meisterschaften von 1979 bis 1988 durch den Einfluss von korrupten Schiedsrichtern zu Stande kamen. Mit der wachsenden Dominanz auf dem Rasen sank selbst das Interesse der eigenen Anhänger. Als die Berliner 1979 den ersten Titel feierten, kamen rund 25.000 Fans, 1988, beim letzten, waren es nur noch 6.000. Es war eine Zeit angebrochen, in der sich die wenigen Hartgesottenen solidarisierten - und radikalisierten. Viele waren unpolitisch, sie sonnten sich in der Nische der Ungewollten. Als ihr Feindbild bezeichneten sie die Wendehälse. Sie sprachen von Spießern, die zum Parteitag die DDR-Flagge schwenkten, aber im Stadion der Staatsmacht den Finger zeigten.

Beim BFC wusste jeder wegen der Nähe zur Stasi, dass es sich um keine Widerstandskämpfer handeln konnte. So war die Motivation vieler Fans: Rebellion gegen die Rebellen. Noch heute prangt das fragwürdige Leitmotiv bei den Spielen auf einem Plakat: "Euer Hass macht uns stark." Schon in den 80ern führte diese Kontroverse zu unzähligen Ausschreitungen. Die Polizei reagierte kompromisslos, die Medien berichteten kaum. Im November 1989 überfielen 500 Berliner in Jena eine Tankstelle, sie plünderten und lieferten sich Kämpfe mit der Polizei. Später überfielen jugendliche BFC-Fans ein Asylbewerberheim in Greifswald. Auch am 3. November 1990, beim Spiel gegen Sachsen Leipzig, kam es zu schweren Krawallen. Polizisten erschossen den 18 Jahre alten BFC-Fan Mike Polley.

Es war der schockierende Prolog einer traurigen Zeit. Mittlerweile hatte sich der Klub umbenannt. Aus dem BFC Dynamo wurde der FC Berlin, die DDR-Vergangenheit sollte wie lästiger Ballast über Bord geworfen werden. "Gebracht hat es weniger als nichts", sagt Jürgen Bogs. 1999 wurde der alte Name wieder angenommen. Bogs sitzt im VIP-Raum des Jahn-Sportparks, er schwelgt nicht in Erinnerungen, er arbeitet sie emotionslos ab. Jürgen Bogs, 59, personifiziert die Widersprüchlichkeit der BFC-Geschichte. Er hat den Klub zu zehn Meisterschaften geführt, man könnte ihn als einen der erfolgreichsten Trainer überhaupt bezeichnen. Im Gedächtnis der Gegenwart jedoch ist kein Platz für ihn. Nach der Wende betreute er kleinere Teams, auch bei seinem alten Klub stand er noch einmal an der Linie, es sollte bei einem Versuch bleiben. Der Serienmeister der DDR war dem neuen Deutschland nicht gewachsen. Die Verantwortlichen stürzten sich Hals über Kopf in den Kapitalismus.

Sie hofften auf das schnelle Geld - und sie bekamen es. Umgerechnet mehr als sieben Millionen Euro kassierten sie für die Transfers ehemaliger Spieler wie Andreas Thom oder Thomas Doll. Ein Großteil des Geldes wurde nicht in die Mannschaft, sondern in Waschmaschinen, Mikrowellen und asiatische Motorroller investiert, der Rest landete auf dubiosen Konten. Funktionäre gaben sich die Klinke in die Hand, Spieler drohten mit Streik, Gehälter wurden verspätet oder gar nicht gezahlt. Sportlich stürzte der BFC zeitweilig bis in die fünftklassige Verbandsliga. Im Schatten des Niedergangs bildete sich ein düsterer Abenteuerspielplatz. Nach der Wende war die Polizei überfordert, sie kannte ihre Grenzen nicht, auch die Klubführung hatte andere Sorgen als gewaltbereite Fans. Das Image des verhassten Störenfrieds wurde von vielen Anhängern kultiviert.

Die meisten bekannten sich zur rechtsradikalen Szene. Zwielichtige Figuren ließen sich in den Vorstand wählen, andere unterstützten den BFC finanziell. Ausschreitungen und rassistische Äußerungen wahrend der Spiele wurden zur Regelmäßigkeit, die Vermarktungsrechte des Vereinswappens sicherten sich Mitglieder der Heils Angels. Die Rockerbande ist in Berlin zwar nicht verboten, wird aber von der Polizei mit Straftaten wie Zuhälterei, Drogenhandel und Anstiftung zum Mord in Verbindung gebracht. Bei brisanten Spielen gegen die alten Rivalen aus der DDR-Oberliga im Sportforum in Hohenschönhausen, der eigentlichen Heimstätte der BFC, versammelten sich Krawalltouristen aus dem ganzen Land. "Andere Vereine haben auch Probleme mit Hooligans, aber wir sind der Prügelknabe", sagt Frank Berton, der Geschäftstellenleiter des BFC. "Und zeigen Sie mir einen in diesem Haus, der etwas mit der Stasi zu tun gehabt hätte."

Er mag Recht haben, doch man kann diese Sätze auch als naive Verharmlosung werten. Mario Weinkauf, seit zwei Jahren Präsident, hatte angekündigt, den BFC von seinen finsteren Gönnern zu befreien. Gleichzeitig schloss er mehrfach die Augen und nahm das Geld an. Blieb ihm etwas anderes übrig? Kein anderer Verein in Deutschland hat mit diesem Paradoxon zu kämpfen: jene Anhänger, die dem BFC mit ihrer politischen Gesinnung und ihrer Vorliebe für Gewalt schaden, haben ihn mit Spenden am Leben erhalten. Im vergangenen Mal stürmten im Heimspiel gegen den Rivalen Union Berlin Anhänger des BFC das Spielfeld des Sportforums in Hohenschönhausen, die Partie musste abgebrochen werden. "In fünf Minuten wurden vier Jahre unserer Arbeit kaputt gemacht", sagt Sven Radicke, der Finanzchef des BFC. Nach dem Vorfall zogen sich wichtige Sponsoren zurück, und so klafft im Jahresetat von 350.000 Euro noch immer eine Lücke von rund 150.000.

Zwischenzeitlich machten Gerüchte von einem Zwangsabstieg die Runde, von der Aberkennung der Gemeinnützigkeit, von einem Neuanfang in der untersten Klasse und einer zweiten Insolvenz. Schon einmal, Anfang des Jahrtausends, hatte sich der BFC durch ein Insolvenzverfahren kämpfen müssen. "Wenn wir in dieser Saison die Finanzen nicht auf die Reihe bekommen, dann schaffen wir es nie", sagt Mario Weinkauf. Dem talentierten Trainer Raiko Fijalek, der ein viel versprechendes Team aufgebaut hatte, wurde es zu viel: Er trat vor wenigen Wochen zurück. Ob es einen Ausweg aus dem Dilemma gibt? "Wenn der BFC sich noch deutlicher von den Problemfans abwenden würde, kämen zwei Drittel weniger Zuschauer", vermutet Ralf Busch, der Leiter des Berliner Fanprojekts, das sich um die Gefolgschaften der großen Hauptstadtvereine kümmert. Dass die gesamte BFC-Führung einen Imagewechsel will, scheint mehr als fraglich. Mario Weinkauf hat heftigen Gegenwind aus den eigenen Reihen gespürt.

Er weiß, wie ängstlich Sponsoren auf kleinste Ausschläge nach unten reagieren und wie gierig manche Medien diese herbeisehnen. Die meisten Berliner Blätter lassen unerwähnt, dass es auch linksorientierte Fans gibt, Gegner angespuckt und als Stasischweine beschimpft werden. Ein Berliner Boulevardjournalist soll einmal gesagt haben, er würde dem BFC nur Platz einräumen, wenn die Schlagworte Hooligans und Stasi im Artikel vorkämen. Ein anderer soll erwähnt haben, er dürfe nur über den BFC schreiben, wenn sich sein Ressortleiter im Urlaub befände. Unter diesen Umständen ist ein Wendepunkt der Geschichte schwer einzuleiten, allerdings blockieren auch die BFC-Oberen selbst den Prozess. Angesichts der Vergangenheit des Vereins sind sie nicht in der Position, Verschwörungstheorien gegen Politik oder Polizei zu propagieren. Zumal bei Heimspielen einschlägige Kleiderlabel großflächig werben dürfen, mit Rainer Lüdtke ein ehemaliger Hooligan als Fanbeauftragter tätig ist und der neue starke Mann im Vorstand, Peter Meyer, vor zwei Jahren wegen eines Platzsturms in Babelsberg angeklagt (wenn auch nicht verurteilt) wurde.

Im sensiblen Umfeld des BFC kommen solche Dinge mit doppelter Wucht zurück. Ob sich Mario Weinkauf dessen bewusst ist? "Vielleicht war ich ein bisschen blauäugig", sagt er. Er hat beruflich viel erreicht, er dachte immer, er könne Leute mitziehen und motivieren. Zumindest in seinem Job in der Wirtschaft. Aber im Fußball? "Das ist ein anderes Feld. Hier sind Verträge und Zusagen manchmal nichts wert - gar nichts. Manchmal komme ich mir vor wie im Kindergarten." Mario Weinkauf trägt jetzt nicht mehr die ganze Last der Vergangenheit, er ist seit Meyers Einstieg nur noch verantwortlich für die Repräsentation des BFC. Der Beginn eines schleichenden Abgangs? Ein Eingeständnis des Scheiterns? "Ich werde weiter kämpfen, ich habe eine große Verantwortung." Wieder antwortet Wein kauf nicht mit Ja oder Nein, stattdessen erzählt er eine Geschichte. Vor nicht allzu langer Zeit kam ein Mann auf ihn zu und lobte ihn für sein beharrliches Engagement. Der Mann sagte: "Wenn ich einmal sterbe, sollst du meine Grabrede halten." Mario Weinkauf war überrascht, damit hatte er nicht gerechnet.


Ronny Blaschke, 11Freunde, 11/2006