Die spinnen, die Deutschen
(Tsp.v.8.7.98)
Exakt 102 WM-Artikel führte das berühmte Pariser Kaufhaus Lafayette zu Beginn der Weltmeisterschaft. Gestern waren nur noch 68 erhältlich - und der Rest vergriffen. Er soll nachbestellt werden, denn das WM-Souvenir-Geschäft laufe fabelhaft, so eine Verkäuferin, und der Boom werde wohl auch nach dem Finale am kommenden Sonntag noch anhalten. Absoluter Hit dabei: Footix - der frech-fröhliche Papagei, den inzwischen jeder kennt. Und gefragtester Footix wiederum: jene Version, die singt "We are the Champions", wenn man auf den Bauch drückt. Früher klagten die Puppen "Mama", wenn sie sprechend waren. Heute kommen komplette Statements aus ihrem Innenleben.
Im Lafayette ist so gut wie alles erhältlich - eines jedoch nicht: eine Fußball-"Barbie"-Puppe. Wahrscheinlich ist dieser Sport zu proletarisch für ein so verwöhntes girlie. Und auch Ken - Barbies Freund - steht sicherlich eher auf Golf denn auf Soccer.
Desgleichen vermissen wir in dem Lafayette-Sortiment eine Berti-Vogts-Puppe - eine, die beispielsweise fürchterlich jammert, wenn man an einem Dolch zieht, der seit der Dolchstoßlegende des Kroatien-Spieles aus dem Rücken ragt. Aber vielleicht wirft ja "Hurra Deutschland" derlei noch auf den Markt. Am besten im Zweier-Paket mit Helmut Kohl - als Männerfreunde-Set. Der schwarze Riese kann den kleinen Blondi dann tröstend in den Arm nehmen.
Ein weiterer denkbarer Zweier-Puppen-Set bestünde aus David Beckham und Spice Girl Victoria Adams - wobei man als Puppenspieler jederzeit David das Spice-Höschen überziehen können müßte. Eine ähnliche Version mit Lothar im Lolita-Look soll bereits in Planung sein.
Schlußendlich würden wir uns noch ganz fest über eine "Schatzi"-Puppe freuen, die Heintje-Lieder singen kann, wenn man ihr als Papa Berti einen leichten Klaps auf den Po gibt. Der Klaps von Papa Berti darf aber wirklich nur ganz leicht sein - etwa so sanft wie jene Klapse, die Bundesfamilienministerin Nolte ihrem Sohn Christoph zu verabreichen pflegt, wenn er mal wieder nicht spurt. Ist der Klaps zu stark, dann heult die "Schatzi"-Puppe. Während eine Rolf Töpperwien-Puppe mit eingebautem Lachsack in orkanisches Marty-Feldman-Gelächter ausbricht, wenn man an einem kleinen Mikrophon-Knopf drückt - das sich noch erheblich steigert, so die Töppie-Puppe in horizontale Lage gebracht wird.
Und Footix? Was hält Footix von all diesen Ideen? "Die spinnen, die Deutschen!", sagt er auf Knopfdruck. Und dürfte damit wohl recht haben. jus
In Ballgewittern. Jetzt kommen sie heim, im Felde unbesiegt, als Opfer eines tückischen Dolchstosses in den Rücken.
VON HARALD MARTENSTEIN (Tsp.v.8.7.98)
Die Schuldfrage ist in Deutschland immer eine faszinierende. Auf der Suche nach einer Antwort hat die "Frankfurter Allgemeine" den früheren Außenminister Genscher entdeckt. Genscher konnte 1992 durchsetzen, daß Kroatien von der EU politisch anerkannt wurde; diese Tatsache hat den Kroaten auf dem Weg in die Unabhängigkeit nicht wenig geholfen. Falls es aber auf der Welt kein Kroatien gäbe, dann könnten wir auch nicht im Fußball gegen Kroatien verlieren. Genscher verteidigt sich in der FAZ mit dem korrekten Hinweis, daß die kroatischen Spieler, falls es kein Kroatien gäbe, ersatzweise bei Groß-Jugoslawien mitmachen würden. Wir hätten dann bei der WM schon eine Runde früher verloren, gegen Jugoslawien nämlich. Ihr könnt euch bei mir dafür bedanken, daß ihr überhaupt so weit gekommen seid, sagt Genscher. Na ja, er sagt es jedenfalls sinngemäß.
Ganz früher gehörte Kroatien zu Österreich-Ungarn. Gegen Österreich-Ungarn hätten wir auf keinen Fall verloren. In Österreich-Ungarn ging es drunter und drüber, die Völker stritten sich wie die Kesselflicker, kein Doppelpaß kam an. Das morsche, desorganisierte Österreich-Ungarn ging im Ersten Weltkrieg kaputt. Den Ersten Weltkrieg hat ein Attentat auf den Kronprinzen Franz Ferdinand ausgelöst, welches in Sarajewo von serbischen Nationalisten begangen wurde. Im weitesten Sinne sind also die Serben schuld an der deutschen Niederlage.
Trotz des Sieges gegen Österreich-Ungarn wären wir allerdings spätestens im Halbfinale gegen Frankreich ausgeschieden. Warum spielt Frankreich so gut? Weil Frankreich so viele schwarze Spieler hat, ähnlich wie Holland. Die können es einfach. Und warum hat Deutschland keine schwarzen Spieler? Nein, nicht wegen Senator Schönbohm. Sondern weil Deutschland im Ersten Weltkrieg seine Kolonien verloren hat. Wie immer man die Schuldfrage dreht und wendet, man landet stets bei den Serben und dem Ersten Weltkrieg, weswegen es von einer tiefen Einsicht in die historischen Zusammenhänge zeugt, daß Lothar Matthäus in der FAZ als "kickender Ernst Jünger" bezeichnet wird.
Wo waren sie, unsere Männer? In Ballgewittern. Jetzt kommen sie heim, im Felde unbesiegt, als Opfer eines tückischen Dolchstosses in den Rücken.
Schlechter Auftritt - schlechter Abgang
Bei aller Enttäuschung: Das Leben geht weiter
VON KLAUS ROCCA (Tsp.v.7.7.98)
Schmerz, gewiß, aber vergänglicher. Der Alltag wird sie bald wieder einholen, die Fußballfans in deutschen Landen von Flensburg bis zum Bodensee und von der Oder bis nach Mönchengladbach.
Daß sich der Schmerz in Grenzen hält, ist das unfreiwillige Verdienst der deutschen Nationalmannschaft. Sie hat alles getan, um die Identifikation mit ihr so schwer wie möglich zu machen. Mit ihrem biederen, hausbackenen Gekicke schufen sie Distanz, wo eigentlich der Funke überspringen sollte. Wo Leidenschaft und Begeisterung hätten erweckt werden sollen, standen nüchterne Kalkulation, Pragmatismus und reines Erfolgsdenken. Hätten Klinsmann, Bierhoff, Matthäus und Co. nicht wenigstens in kleinen und manchmal auch größeren Prisen Spannung dazugeliefert, wäre die innere Distanz noch größer gewesen. Daß sie ausgerechnet in ihrem besten Spiel das Stoppzeichen gesetzt bekamen, ist bitter. Doch wie sagte der Bundeskanzler, bei Sepp Herberger eine Anleihe nehmend: "Der Ball ist rund." Wie tröstlich. Dabei braucht Kohl nun selbst Trost. Wie gern hätte er, der sich 1996 im EM-Triumph so fernsehgerecht mitgesonnt hatte, von seinem Freund Berti Schützenhilfe für den 27. September bekommen.
Ein Abgang der deutschen Fußballer und ihres Chefs mit erhobenen Häuptern hätte wenigstens noch Sympathien für die Verlierer erweckt. Doch es war ein unrühmlicher Abgang, voll des unbegreiflichen Zorns. Des Zorns über einen angeblichen Betrug, begangen vom Schiedsrichter, der es gewagt hatte, einem Deutschen die Rote Karte zu zeigen, der das Fairplay und den Gegner mit Füßen trat. Anstatt bei sich selbst die Schuld zu suchen und selbstkritisch in sich zu gehen, wie es die Engländer so vorbildlich nach ihrer unglücklichen Niederlage gegen Argentinien vorgelebt hatten, wurde schnell ein Sündenbock ausgemacht. Und der Bundestrainer, der doch eigentlich Vorbild sein sollte, auch und besonders in der Niederlage, mittendrin. Daß ein Teil der Medien ins selbe Horn stößt, wird ihn auch noch in der Vermutung bestärken, er habe die richtigen Worte gewählt. Wer nur ein wenig über den Dingen steht, wer sich über alle verständliche Vaterlandsliebe hinaus noch ein ordentliches Maß an Objektivität bewahrt hat, dem könnte ob der Reaktionen aus dem DFB-Lager die Schamröte ins Gesicht schießen.
Um so größer ist die Schadenfreude jenseits der Grenzen. Die einen schießen dabei übers Ziel hinaus, wie Kroatiens Verbandspräsident Branko Miksa, der im Überschwang der Glücksgefühle hinausposaunte: "Heute ist Berlin gefallen." Verständlicher ist das Ätsch-Gefühl bei jenen, die schon vorher das armselige Gespiele der Deutschen hämisch kommentierten und sich nur angesichts der unbestreitbaren Erfolge zurückhielten. Der häßliche Deutsche - nun ist er wieder am Pranger. Wie schon vorher, als die Hooligans den Haß auf die Boches neu entflammen ließen. Dabei konnten die Nationalmannschaft und deren friedliche Anhänger nun wirklich nichts für die Ausschreitungen in Paris und Lens, doch im Entsetzen über Missetaten verschwimmen leicht die Grenzen.
Der Blick zurück, ob im Zorn oder nicht, hilft nicht weiter. Berti Vogts hatte, bar jeden Risiko-Gedankens, noch einmal vorrangig den Alten vertraut. Auf daß bei dieser Coupe du Monde die Dinosaurier-Witze die Runde machten. Doch so falsch kann Vogts nicht gelegen haben, wenn ein Lothar Matthäus in Frankreich noch einmal eine Sternstunde erleben durfte. Nun aber muß die Zäsur erfolgen. Nicht die ganz radikale, denn schon im September stehen die Qualifikationsspiele zur nächsten Europameisterschaft an. Aber eben doch eine Zäsur. Der Schnitt wird Vogts dadurch leichtgemacht, daß viele der Nationalmannschaft freiwillig den Rücken kehren. Die Jungen werden also ihre Chance bekommen. Sofern sie in ihren Vereinen durch ausländische Stars nicht zu sehr an die Wand gedrückt werden.
Vielleicht kehrt eines Tages auch der Spielwitz zurück. Damit nicht mehr nur die biederen Handwerker das Sagen haben, sondern auch ein wenig die Künstler, die am Ball. Fußball kann ja so attraktiv sein. In Frankreich haben wir es gesehen. Freilich nicht von den Deutschen. Schon deshalb werden die Tränen schnell versiegen.
Au revoir. Adieu. A bientôt
Es ist besser so. Doch vorerst diese wahre Geschichte
VON MORITZ RINKE (Tsp.v. 7.7.98)
ST. ETIENNE. Es ist Freitag. Ich bin am Flughafen von Lyon auf der Herrentoilette. Gerade gelandet, will ich mich eben schnell erfrischen, um dann weiterzureisen nach St. Etienne zum Internationalen Europäischen Theaterkongreß. Ich denke gerade noch: Was wird der Kongreß bringen mit dem Thema "Junges Theater"?, doch plötzlich neben mir, zweites Pissoir von links: Lothar Matthäus! Dann dreh' ich mich um zur anderen Seite: Rainer Bonhof, der Assistent von Berti Vogts, drittes Pissoir von rechts. Ich schwöre! Ich bin um 10.05 Uhr gelandet, mit der Lufthansa Flugnummer 4084, Aéroport de Lyon-Satolas, und die Toilettenspülungen sind von Keramag! Kurzinterview mit Lothar Matthäus. Tagesspiegel: "Herr Matthäus. Wer ist Ihnen persönlich im Halbfinale lieber: Italien oder Frankreich?" Matthäus: "Frankreich". Dann wäscht er sich die Hände, richtet sein Haar und geht.
Circa 19 Uhr, Place de la Republique, St. Etienne. Auf Großleinwand Frankreich gegen Italien, Di Biagio verschießt, unbeschreiblicher Jubel.
Am nächsten Tag steht eine deutsche Kongreß-Delegation aus Münchner Kammerspielen, Staatstheater Stuttgart, Schauspiel Hannover, Berliner Baracke und Nationaltheater Weimar ebenfalls auf der Place de la Republique und guckt Deutschland gegen Kroatien. Aber jetzt ist es fast leer. Nur die Delegation in der Mitte und ein paar Kroaten rechts und links. Nach 90 Minuten steht die Delegation mit leeren Pappbechern da, sehnt sich nach den tröstenden Worten von Heribert Faßbender, nach einer Einblendung von Helmut Kohl und versucht dann die Tragödie selber zu fassen. Wir einigen uns in Anlehnung an Heiner Müller auf die prosaische Standortbestimmung: "80 Kilometer westlich von Lyon, im Rücken die Ruinen von Deutschland."
Am nächsten Tag, gestern. Aéroport de Lyon. Ich öffne die Tür zur Herrentoilette, schließe die Augen, trete ein und schaue auf das zweite Becken von links: niemand, dann auf das dritte von rechts: auch niemand. Alles leer. Wie auf der Place de la Republique. Nur das Rauschen der Spülung und die Erinnerung an die Begegnung mit Lothar Matthäus. Ja, erst auf der Herrentoilette von Lyon-Satolas ist mir bewußt geworden, daß wir Deutschen draußen sind. Hurra, adieu und à bientôt. Es ist besser so.
"...und dann zimmert der das Teil da rein"
Die WM-Kommentatoren von ARD/ZDF erledigen ihren Job und ernten Kritik - Ein Test
VON CHRISTIAN OMERZU (Tsp.v.27.6.98)
Nach den Schiedsrichtern sind die Fernsehkommentatoren diejenigen, die in diesen Tagen
bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich am meisten von den Zuschauern gescholten
werden: "Unqualifizierte Bemerkungen", "schiefste Metaphern", "verwechselte Spielernamen".
So hagelten die Proteste in den ersten zwei Wochen auf die Kommentatoren von ARD und ZDF ein.
Unzählige Anrufe gingen bei den Sendern ein. Klaus Schwarze, ARD-Programmchef bei der WM,
versicherte gegenüber der Deutschen Presseagentur, die gutgemeinten Anregungen an die
Kommentatoren weiterzuleiten. Wie aber muß er sein, der ideale Kommentator? Was und wieviel
sollte er sagen? Das Fernsehbild kombiniert mit umfassenden optischen Zusatzinformationen
(Namen, Spielzeit) machen es nicht gerade leicht, ein Spiel angemessen zu kommentieren,
vor allem dann, wenn sich die Partie als müder Kick entpuppt. Wer zuviel redet, der stört
ebenso wie derjenige, der nur wiedergibt, was ohnehin zu sehen ist. Andererseits: Ganz ohne
Kommentator geht es auch nicht. Und sei er nur dazu da, um sich über ihn aufzuregen.
Am treffendsten hat vielleicht der Journalist Hans Blickensdörfer die Anforderungen an
einen Kommentator beschrieben. "Er muß eine Messerspitze Emotion mitbringen, einen Eßlöffel
Witz, der den Dummen nicht überfordert und den Gescheiten nicht ärgert, sondern schmunzeln
läßt, sowie einen Schöpflöffel Fachwissen, groß genug, um allen vorstellbaren Situationen
gerecht zu werden. Und bloß kein Blabla."
In Deutschland sehen viele Marcel Reif (RTL) als den besten Live-Kommentator.
Neben kurzen, angemessenen Sachkommentaren streut Reif immer wieder längere Strecken ein,
in denen er nichts sagt. Vielleicht ist es diese Mischung, die seinen Erfolg ausmacht.
An ihm müssen sich alle anderen wohl oder übel messen lassen.
Messen lassen müssen sich auch die 34 Unparteiischen in Frankreich und zwar an den
neuen Vorgaben der FIFA. Für die Referees gilt es, erst einmal zu beweisen, was sie
draufhaben. Wer die Schiedsrichter-Kommission nicht überzeugt, für den ist nach der
Vorrunde Schluß. Nur gute Leistungen garantieren das Weiterkommen. Angesichts der harschen
Kritik an den Kommentatoren wird sich so mancher gefragt haben, warum das Schiri-Prinzip
nicht auf die TV-Berichterstatter übertragen wird? Gute Leistungen werden honoriert,
wer plappert hat Pause. Gerd Rubenbauer, Wilfried Mohren und Heribert Faßbender
kommentieren ums Finale. Eine Idee von hohem Reiz, aber mit kleinem Realisierungsfaktor.
Am Freitag ging in Frankreich die Vorrunde der WM zu Ende, heute startet das Achtelfinale
und die Kommentatoren von ARD und ZDF sind wieder mit dabei. Ein guter Anlaß, einige von
ihnen nach den ersten zwei Wochen einmal einem kurzen Check zu unterziehen.
Sieben grundsätzliche Gedanken
Zwei fußballfreie Tage geben Anlaß zum Nachdenken
VON HARALD MARTENSTEIN (Tsp.v.3.7.98)
Zwei Tage ohne Fußball - das hatten wir lange nicht, das gibt uns Muße zu genau sieben grundsätzlichen Gedanken. Wir wollen nachdenken über ein Wort von Jürgen Kohler (stellvertretender Abteilungsleiter Defensiv-Abteilung), das Mexiko-Spiel betreffend: "Die Mannschaft hat die typisch deutschen Tugenden gezeigt." Wir müssen uns an das Mexiko-Spiel erinnern, und schon wissen wir, was typisch deutsch ist.
Über die wichtigste Tugend ist häufig berichtet worden. Wir haben die ältesten Fußballer, den ältesten Kanzler, die ältesten Computerspezialisten und das älteste Pommes-Frites-Fett der Welt. Also, die wichtigste deutsche Tugend: Altsein.
Wirtschaftswunder! Wunder Wiedervereinigung! Und anschließend im Viertelfinale gegen das Wunder Kroatien! Andere Völker müssen ohne Wunder auskommen und kriegen schon im Achtelfinale Fußball-Giganten wie Argentinien als Gegner. Merke: die zweite deutsche Tugend lautet "Glück haben". Im Endspiel treffen wir demnach auf ein stark geschwächtes Dänemark.
Die dritte deutsche Tugend heißt Treue (zu Andy Möller, zu Christian Ziege, zu Torwart Köpke). Andere Völker verstoßen Fußballspieler, die den Ball nicht treffen. Der Deutsche ist treu. Ehrensache. Auch Tugend Nummer vier und fünf (Niemals aufgeben, Kämpfen bis zum Umfallen) kennen wir aus den Geschichtsbüchern. Die Mexikaner kämpfen bis fünf vor zwölf, anschließend machen sie Siesta. Er, so hat ein berühmter deutscher Staatsmann gesagt, er gebe grundsätzlich erst um fünf nach zwölf auf.
Deutsche Tugend Nummer sechs lautet "Hohe Flanken in den Strafraum". Die deutschen Ladenöffnungszeiten, die sechsjährige Berliner Grundschule, der Streit um die Rechtschreibreform, all diese Zeiterscheinungen könnte man gut unter der Metapher "Hohe Flanken in den Strafraum" zusammenfassen. Sie kommen von weither angeflogen und sind schwer wegzubekommen.
Die Deutschen dribbeln nicht nutzlos durch die Gegend. Lieber stehen sie herum, denken sich ihr Teil und sammeln Eindrücke. Wenn sie mal laufen, dann langsam. Siebte deutsche Tugend: die Langsamkeit. Der typische Deutsche ist alt, langsam, treu, er hat Glück, gibt niemals auf und ist schwer wegzubekommen. Um Gerhard Schröder scheint es sich nicht zu handeln.
Die Kreativabteilung
Keine Ballstafetten. Keine Dribblings. Keine Doppelpässe
VON MORITZ RINKE (Tsp.v. 1.7.98)
Hier noch eine kleine Ergänzung zu jenem von den Medien hochstilisierten Thema "Warmduschen" (siehe Kolumne vom 21. 6). Ich persönlich dusche erst warm und dann kalt. Durch das Wechselbad, so eine finnische Formel, entsteht Kreativität, und über diese wird ja auf der WM viel gesprochen. Das häufigste, was man bei ARD und ZDF zu hören bekommt, ist das Wort "Kreativabteilung". Früher sagte man "Mittelfeld" oder "Spielmacher", heute sagt man "Kreativabteilung". Und das ist insbesondere nach deutschen Spielen sehr komisch, weil es in der DFB-Auswahl so wenig eine "Kreativabteilung" gibt wie in der Politik einen "Kulturminister". Alle reden über den "Kulturminister", aber es gibt ihn nicht. Verbalisierung und Wirklichkeit stehen sich in der Politik wie auf dem Rasen diametral gegenüber. Besonders gut war das wieder gegen Mexiko zu sehen. Keine Ballstafetten. Keine Dribblings. Keine Doppelpässe. (Die besten deutschen Kombinationen gibt's nur noch in den Werbepausen.) Statt dessen Empirismus: Grätsche, mittellanger Zubringerdienst (Hamann) und unsere Abschlußarbeit, dazu die deutschen Tugenden (Glück, Mechanik, fahrplanmäßig). Wir haben an dieser Stelle die deutsche Mannschaft mit der MIR in Verbindung gebracht, man könnte sie auch mit dem Castor-Transport vergleichen. Die Abwicklung des Castor gleicht mehr und mehr dem Weiterkommen der deutschen Mannschaft. Man kann dagegen protestieren, man kann sich ihm in die Bahn werfen, man kann auf den alten Müll hinweisen, es nützt nichts. Wenn der Zug rollt, rollt er. Günter Netzer hatte es nach dem Iran-Spiel unübertrefflich gesagt: "Die alten Zeiten sind Vergangenheit." Ja, Netzer, dessen raumgreifende Pässe man heute mit der wagemutigen Politik Willy Brandts vergleicht und mit der Studentenrevolte: dieser Netzer ist uns als letzte Ikone des Beats und der Kreativabteilung geblieben. Kaum zu glauben, aber wahr.
Pizza gibt's gratis dazu
jöwe in Tsp.v.30.6.98
Was in etwa ein Hooligan ist, hat man in den Yorkshire Dales bislang nur über die Medien erfahren. Hier, wo in vielen Orten die Zeit stehengeblieben ist, gibt es nicht einmal Fans. Doch, daran kommen sie weder in Ribblesdale noch in Swaledale oder Foxup vorbei: "Football's coming home" - und zwar nicht nur als Song im Radio. Denn France '98 ist überall: natürlich im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen - aber vor allen Dingen im Kühlschrank.
Die englischen Supermärkte überbieten sich gegenseitig an WM-"Spezialitäten" und -Aktionen. Beim Einkauf führt kein Weg mehr an France '98 vorbei. Es gibt kaum ein Produkt, das nicht mit Fußball in Verbindung gebracht wird. "Football's coming home" - und zwar direkt auf den Tisch!
Bei Safeway gibt es während der WM zwanzig Prozent Rabatt auf jedes Bier. Der Konkurrent Asda bietet ebenfalls Bier-Sonderpreise. Hier findet sich auch der WM-Rotwein, und wer den kauft, erhält gratis gleich noch eine Pizza dazu. "Ideal for half-time" - dieser Sticker findet sich auf jedem Produkt, das sich vermeintlich problemlos in der 15minütigen Halbzeitpause zubereiten und verspeisen läßt. "Ideal for half-time" sind zum Beispiel Würstchen im Teig oder natürlich Chips. Eine der beliebtesten, fraglos gewöhnungsbedürftigen Chips-Sorten, "Salt and Vinegar" (Geschmacksrichtung Salz und Essig), wurde für die Zeit der WM in "Salt and Lineker" umbenannt. Da die Nachfrage groß ist, finden sich an den Kassen gleich Kartons à 50 Tüten - zum Sonderpreis von umgerechnet 13,50 DM. Mit wieviel Prozent der ehemalige englische Nationalstürmer am Verkaufsgewinn beteiligt ist, wissen wir leider nicht.
In der WM-Sonderbeilage der Times wird den Briten erklärt, welche Gerichte sich problemlos in der Halbzeitpause zubereiten lassen. Voraussetzung: Der Koch darf keine Minute des Spiels verpassen, und die Gerichte müssen sich entweder mit der Hand oder maximal mit einer Gabel verspeisen lassen. Messer sind verpönt, schließlich lenken sie die Aufmerksamkeit für einen Augenblick vom Bildschirm auf den Teller! Zum Nachtisch werden englische Nationalspieler empfohlen - in Form von Keksen. Oder ein Fußballfeld-Kuchen. Der zeichnet sich durch einen grünen Zuckerguß mit den Spielfeldmarkierungen aus.
Nur eines haben wir nicht gefunden: Das France-'98-Toilettenpapier - dabei wäre es eigentlich "Ideal for half-time". jöwe
Süffig und rein
Deutscher Fußball, mexikanisches Bier
VON HARALD MARTENSTEIN (Tsp.v.29.7.98)
Wenn man die deutsche Mannschaft spielen sieht, muß man an das russische Raumschiff MIR denken. Über die MIR machen gemeine Menschen sich lustig. Die MIR rumpelt seit Jahren in stark reparaturbedürftigem und nicht mehr ganz jungem Zustand um die Erde herum, dem kontrollierten Absturz entgegen, ähnlich wie die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Wir sollten trotzdem pfleglich mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft umgehen. Denn wie die Erde, so haben wir auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von unseren Kindern nur geborgt.
Andere Frage, aus der Rubrik "Rätsel der Globalisierung": Warum wird in den Szenekneipen seit zirka zehn Jahren gerne mexikanisches Bier getrunken? Auch Italiener oder Thailänder können Bier brauen, aber von italienischem Bier zum Beispiel will keiner was wissen.
Deutsches Bier ist rein. Mexikanisches Bier ist süffig. Mexikaner tun in ihr Bier, ohne Rücksicht auf Ge- und Verbote, Dinge hinein, die gut schmecken. Das hat historische Gründe. Die mexikanische Geschichte war süffig (Pancho Villa! Zapata! Kaiser Max!). Die deutsche Geschichte hat sogar im Brauereiwesen ein unstillbares Bedürfnis nach Reinheit hinterlassen.
Worauf können wir uneingeschränkt stolz sein? Auf die D-Mark, die so hart ist wie die Waden von Lothar Matthäus, aber die wird ja demnächst abgeschafft. Auf GoetheSchillerBeethoven, den Kultur-Komplex, aber damit können die Kids in Downtown Manila leider nicht viel anfangen. Bleibt als globale Visitenkarte nur Kanzler Fußball. Mit dem Zauberwort "Beckenbauer" vermag unsereins sogar den grimmigsten islamischen Fundamentalisten ein spontanes Lächeln zu entlocken.
Was aber, wenn wir rausfliegen? Gegen das süffige Mexiko, das uns schon auf dem Biersektor so erfolgreich zusetzt? Was bleibt dann noch als nationales Symbol, das unseren Nachbarn keine Angst macht? Als ein weltweit verständliches Symbol für Deutschland, das bei allen Schichten und Altersklassen populär ist und überall auf der Welt als einerseits deutsch, andererseits erfreulich akzeptiert wird? Ich schlage Siegfried und Roy vor.
Experten raus!
Das Highlight des Jahres ist da! Die Fußball-WM in Frankeich sorgt
viereinhalb Wochen für Gesprächsstoff. Jetzt schlägt die Stunde der
WM-Tipprunden, wohltuender Zeitvertreib in jeder Firma.
Das Prozedere ist immer dasselbe: Ein Fußballfreak tüftelt am Computer
ein Tippsystem aus, sammelt das Startgeld und verteilt die Spielbögen an
die Belegschaft. Sofort stürzen sich alle auf die Zettel, froh, einmal
dem Alltagstrott entfliehen zu können. Jetzt wird gefachsimpelt, was das
Zeug hält: Wird Deutschland Weltmeister oder doch Brasilien? Gewinnt
Jamaika ein Spiel, und wieviel Tore schießt Ronaldo?
Egal, wie der Event läuft: Grundsätzlich gewinnt in jeder
Büro-Tippgemeinschaft, der jenige der vom Kicken keine Ahnung hat! Leute
mit Fachverstand landen abgeschlagen im unteren Teil der Rangliste, und
müssen von den Nicht-Fußball-Experten noch Hohn und Spott über sich
ergehen lassen. Der Ersteller der Tipprunde plaziert sich immer unter
den ersten drei Tabellenplätzen - ist er doch der einzige, der
Ergebnisse sammelt, zusammenträgt und den jeweiligen Stand
ausrechnet.(- ein Zeichen von Weitblick, wenn er da Familie hat... mw )
Ein Schelm, wer böses dabei denkt... Was ich bei dieser WM mache? Tippen
natürlich! Und ich weiß, das ich nicht gewinnen werde. (sic!)
(Artikel aus der Kinonews, Juni '98, eingesandt von)
MADMATT
P.S.: Ich gratuliere allen 40 erfolgreicheren Mittippern!
C'est la vieh (Tsp. v. 27. Juni 1998)
C'est la vieh: Nach dem Vorrunden-K.o. der bulgarischen Nationalmannschaft hat ein verärgerter Bauer in Schumen seinen Esel namens Hristo Stoitschkow erschossen. Wie die Zeitung "Trud" am Freitag berichtete, griff der Bauer nach dem Spiel Bulgariens gegen Spanien am Mittwoch abend wutentbrannt zur Waffe und tötete das Tier, dem er den Namen des Fußball-Stars gegeben hatte. Bulgarien erlitt in der Begegnung eine bittere 1:6-Niederlage.
Wir sind zufrieden
Berti Vogts und der FAZ-Fragebogen VON MORITZ RINKE (Tsp. v. 27. Juni 1998)
Wenn Berti Vogts vor dem berühmten FAZ-Fragebogen sitzen würde, den ja bekanntlich Marcel Proust in seinem Leben gleich zweimal ausfüllte, dann wäre das so
Wo möchten Sie leben? Wir sind zufrieden.
Ihre liebsten Romanhelden? Wir sind zufrieden.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten? Wir sind zufrieden.
Ihre Lieblingsfarbe? Wir sind zufrieden.
Ihre Lieblingsblume? Wir sind zufrieden.
So, und jetzt fülle ich ein paar Fragen für Berti aus!
Wo möchten Sie leben? In einer Viererabwehrkette in Sibirien.
Ihr Hauptcharakterzug? Danone. Der zufriedene Früchtequark.
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? Franz Beckenbauers Beerdigung mit Helmut Kohl an der Orgel.
Wie möchten Sie sterben? Gegen Mexiko.
Jetzt noch eine merkwürdige Szene: Nach dem Spiel gegen den Iran sind wieder meine zwei Nachbarn Remde und Seefeld (siehe Kolumne vom 15. Juni) auf ihre Balkone getreten und haben gefachsimpelt, aber plötzlich habe ich genauer hingeguckt und da waren es nicht mehr Remde und Seefeld, sondern Delling (ARD) und Netzer (Experte) und plötzlich nicht mehr Netzer und Delling, sondern Güldenstern und Rosenkranz aus dem "Hamlet" von Shakespeare. Güldenstern sagte: "Ein Königreich für ein Mittelfeld." Darauf Rosenkranz: "So wie es ist, ist es." Ganz schön trocken, oder?
Ach, ich freu' mich schon, wenn wieder Hertha spielt! Hertha spielt zuerst gegen den SV Werder Bremen. Und morgen wird die erste Runde des DFB-Pokals ausgelost. Das wird spannend. Außerdem läuft gerade die Kieler Woche.
Hier noch die letzte Frage an Berti Vogts aus dem FAZ-Fragebogen
Ihr Motto? Rerum Cognoscere Causas! Manchmal aber auch: Lingua et pectore verum esse (Mit Herz und Zunge wahr sein).
Total überraschende Kolumnenwendung!
Im Pub sitzen, raufen, trinken und anschließend ein Lied singen
Schotten auf Mallorca VON HARALD MARTENSTEIN (Tsp. v. 26. Juni 1998)
Das Spiel Schottland-Marokko, das 3:0 für Marokko endete, habe ich in einem schottischen Pub in Magaluf auf Mallorca gesehen. In Magaluf ist fast alles britisch, so, wie auf der anderen Seite der Bucht, in Arenal, fast alles deutsch ist. In den Pubs dort stehen nicht zwei oder drei Fernseher, sondern zwölf oder fünfzehn. In jedem Winkel ein Fernseher. Zuerst hält man das für ein landestypisches Statussymbol. Später kriegt man den Sinn mit. Wenn in der Mitte des Pubs eine Rauferei stattfindet, dann können alle Beteiligten während des Kampfes weiter das Spiel verfolgen. Ein Angebot, von dem vor allem die männlichen Gäste zu später Stunde gerne Gebrauch machen.
Die Original-Hooligans sollen eine besonders rauflustige irische Familie gewesen sein. So steht's in den Wörterbüchern. Gefürchtete Brüder vielleicht: Jack Hooligan, Jo Hooligan und Jim Hooligan, harte Burschen, der Schrecken der Pubs. Man muß aber die Original-Hooligans gegen ihre deutschen Nachahmer in Schutz nehmen. Rauflust und Totschlag sind nicht das gleiche.
Die Schotten spielen so ähnlich Fußball wie die Deutschen oder die Engländer, das heißt, sie finden - wenn es gut für sie läuft - über den Kampf zum Spiel. Meistens läuft es nicht so gut, und sie finden folglich auch nicht zum Spiel, sogar über den Kampf nicht. Obwohl also die schottische Mannschaft ihren Fans selten Anlaß zum Jubel gibt, sind die schottischen Fans längst nicht so gefürchtet wie die englischen oder neuerdings die deutschen. Gegen Ende des Marokko-Spiels fand im schottischen Pub eine kurze Rauferei statt. Anschließend wurde zur Versöhnung von sämtlichen Beteiligten ein Lied gesungen: Always look at the bright side of life.
Der schottische Torwart nimmt sich vor dem Spiel seine Zahnprothese heraus und gelt sich die Augenbrauen ein. Ein Exzentriker. Er entspricht dem Briten-Klischee. Über die Deutschen kursieren ebenfalls eine Menge Klischees, eher unfreundliche, leider scheint auch an ihnen viel Wahres zu sein. Man muß sich als Deutscher also andauernd für seine Landsleute entschuldigen. Man wäre ganz gerne ein ganz gewöhnlicher Raufbold, Jack Hooligan zum Beispiel. Im Pub sitzen, raufen, trinken und anschließend ein Lied singen.
Sind wir nicht alle "Warm-Duscher"?
Wer Fußballspieler nach ihren Eigenschaften benennt riskiert bis zu 6 Monate Gefängnis
VON HARALD MARTENSTEIN (Tsp. v. 21.6.98)
Warum nicht offen darüber reden? Auch
ich bin ein Warm-Duscher. Schon das
Kind, das kaum der Mutterbrust
entwöhnte, es erkannte: unter einer warmen
Dusche ist besser sein als unter einer
kalten. Deswegen verstehe ich den DFB
nicht. Der DFB hat eine einstweilige
Verfügung erwirkt. Wer Jürgen Klinsmann
weiterhin einen "Warm-Duscher" nennt,
wie Harald Schmidt es getan hat, der muß
ins Gefängnis. Höchststrafe: sechs Monate.
Wir leben in einem seltsamen Land, nicht
wahr. Das sag ich jetzt einfach mal so, egal,
wieviel Knast es dafür gibt: Wir sind ein
Volk von Warm-Duschern. Alle, die warm
duschen, sollen aufstehn. Unsere Devise
lautet Einigkeit und Recht und Freiheit und
morgens eine warme Dusche. Milosevic
dagegen duscht kalt. Die Jugoslawen sind
typische Kalt-Duscher. Schaut nur, da
kommen sie schnatternd unter ihren
eiskalten Duschen hervorgelaufen. Man
wird sehen, was sie davon haben. Egidius
Braun, der DFB-Chef, ist über siebzig.
Kriegsgeneration. Deswegen sieht er es so
verbissen. Von Tripolis bis zum Nordkap,
von der Krim bis zur Biskaya haben sie
kalt geduscht. Der ganze Krieg war eine
einzige kalte Dusche. Die Amis dagegen
waren typische Warm-Duscher, und haben
den Krieg sowie die Herzen der Jugend
gewonnen. Das warme Wasser bricht den
Stein. Erinnert sich noch jemand an Nana
Mouskouri, im Jahre 1961? Warme
Duschen aus Athen? Oder Manuela,
1963? Schuld war nur die warme Dusche?
Wenn sie heute verbieten, Jürgen
Klinsmann einen "Warm-Duscher" zu
nennen, dann sagst du vielleicht: Das geht
mich nichts an. Ich dusche ja kalt. Morgen
werden sie gerichtlich untersagen, Jürgen
Kohler einen "TriTop-Trinker" zu nennen,
und du wirst zerstreut murmeln: TriTop?
Mag ich eh nicht. Als nächstes werden sie
verbieten, zu Andy Möller
"Toastbrot-Esser" zu sagen. Du schweigst,
weil du immer das leckere Dreikornbrot
kaufst. Und am Ende, wenn Lothar
Matthäus eingewechselt wird, darf es
plötzlich nicht mehr heißen: Lothar
Matthäus läuft sich am Spielfeldrand
"warm". Nein, Gerd Rubenbauer wird
sagen müssen: Lothar Matthäus läuft sich
am Spielfeldrand "kalt". Das wird auch dir
komisch vorkommen. Aber dann wird
keiner mehr da sein, um zu protestieren.
Wenn Anthroposophen und Iraner Fußball spielen
Kann Luzifer die WM gefährden?
VON MORITZ RINKE (Tsp. v. 19.6.98)
Würde auf der WM neben den Iranern auch noch eine Auswahl der Anthroposophen spielen, dann dürfte man den Ball auch nicht mehr mit den Füßen treten, und ich glaube, daß wäre eine komische WM. In der Waldorfschule haben wir in der Pause immer heimlich mit einem Tennisball gespielt. Ich war Karl-Heinz Rummenigge, mein dicklicher Freund Horst Hrubesch. Irgendwann kam dann die Pausenaufsicht und erklärte, Fußball sei schädlich, denn der Geist des Menschen würde langsam in den Fuß wandern und daran sei Luzifer schuld, weil Luzifer würde die Menschen zum Fußball verführen, damit sie dumm werden. Danach wurden wir zum Papieraufheben auf dem Pausenhof verurteilt und an ein Trikottausch zwischen Rummenigge und Hrubesch war sowieso nicht mehr zu denken. Am nächsten Tag nahmen mein Freund und ich einen richtigen Ball und wir übten guten Gewissens Kopfballstafetten, weil da würde ja der Geist im Kopf bleiben, ohne daß uns Luzifer etwas anhaben kann. Und was machte die Pausenaufsicht? Zog uns die Ohren lang!
Also, es war das erste Mal, daß eine Religion in meine Welt des Fußballs trat und mir Vorschriften machte. Angeblich ist das jetzt auch Andreas Köpke und Kasay Keller passiert. Die beiden wollten nach dem Spiel Deutschland gegen Amerika die Trikots tauschen, aber der marokkanische Schiedsrichter Said Belqola untersagte die übliche und schöne Geste. Und warum? Wegen Luzifer! "Die arabischen Frauen können sich leider keine Spiele angucken, in denen Männer sich danach entkleiden", erklärt die FIFA. Was ist denn mit der FIFA los? Anstatt der arabischen Welt zuzurufen: "Dann wird's aber mal Zeit! Andreas Köpfke ist doch nicht Luzifer!" - geht die FIFA lieber vor der Religion in die Knie. Und warum? Wegem dem Öl! (Da hängt eben alles geheimnisvoll miteinander zusammen.)
Nun. Man kann nur hoffen, daß der Iran oder Saudi-Arabien zunächst keine WM ausrichten darf. Dann müßten die Spieler nämlich wahrscheinlich alle in Ski-Anzügen spielen.
Nachschuß
Gerd Rubenbauer kokst zu viel. Beim Koksen siehst du das Leben rosa: Der Gerichtsvollzieher räumt die
Wohnung aus, alle Konstantin-Wecker-Platten weg, aber du fühlst dich total happy dabei.
Oder ein deutscher Fußballspieler veranstaltet in einem wackeligen Spiel gegen einen wackeligen Gegner
einen wackeligen Kurzpaß, und
Sportreporter Rubenbauer gerät bei diesem Anblick in eine Raserei des grenzenlosen Glücks, als ob
Maradona wiederauferstanden sei. Maradona: Koks. Rubenbauer ist milieugeschädigt. In der Halbzeitpause
haben sie ihm dann was dagegen gegeben, es gibt so Spritzen, Antieuphorisiaka. Kalt duschen soll auch helfen.
Das Gegenteil von Rubenbauer heißt Netzer. Ein cooler, eher pessimistischer Intellektueller. Der
Halbzeitexperte Günter Netzer hat immer noch lange Haare, wie Heinz Badewitz, der Chef der Hofer Filmtage,
oder wie Rainer Langhans. Neuerdings liegt das wieder im Trend, nachdem jahrelang nur noch kalifornische
Stripteasetänzer mit tätowierten Pobacken lange Haare trugen. Oberall rennen wieder langhaarige
Fußballspieler herum. Als neulich die Koreaner spielten, war außerdem auffällig, daß der Koreaner ein
im Durchschnitt eher kleiner Mensch ist, was sich vor allem bei Kopfballduellen gegen baumlange
Abwehrspieler störend bemerkbar macht. Wie erwähnt man sowas, ohne sich des rassistischen oder
kleinwüchsigenfeindlichen Vorurteils verdächtig zu machen? Günter Netzer legte seine Mundwinkel
noch eine Spur tiefer. "Die Koreaner", erklärte Netzer weltläufig, "haben bei Kopfbällen ein Problem mit
ihrer Physiognomie." So ist es richtig.
Nachdem sie ihn auf Entzug gesetzt hatten, sah Gerd Rubenbauer in der zweiten Halbzeit weiße Mäuse.
Als ein amerikanischer Torwart ins Bild kam, der sich ebenso ununterbrochen wie lebhaft mit seinen
Vorderleuten unterhielt, sagte Rubenbauer nachdenklich: "Das ist der große Schweiger." Einen anderen,
dunkelhäutigen Amerikaner bezeichnete er hartnäckig als "Holländer": offenbar ein Geheimcode zwischen
Gerd Rubenbauer und seinem Dealer.
Elf Sänger sollt ihr sein
Seit 1974 hat die deutsche Nationalelf zu jeder WM ein Lied aufgenommen. In Frankreich steht sie ohne da.
- Ob das gut geht?
So fing es an: Ohrenbetäubender Jubel, eine Trompetenfanfare und donnernde Paukenschläge.
Dann aber erhebt sich aus dem kakophonischen Lärm ein strahlender Gesang aus zwei Dutzend
Männerkehlen. Sie brummen, nein sie brüllen: "Ha-ho-heja heja he / Ha-ho-heja heja he / Fußball ist unser
Leben/ Denn König Fußball regiert die Welt." Und so hörte es auf. Wieder eine Fanfare, jetzt ein tackernder
Computerbeat und dynamisch wummernde Bässe. Wieder erklingt Männergesang, diesmal aber nur von
einem Leadsänger, erst beim Refrain setzt der Chor grummelnd ein: "Far away in America / We gonna make it /
There's a chance you take it / Let's go! " Zwei Lieder, zwischen denen zwanzig Jahre, zwei gewonnene
Weltmeistertitel und zwei verlorene Endspiele liegen. Seit 1974, dem Jahr des Triumphes im eigenen Land, hat
die deutsche Fußballnationalmannschaft zu jeder Weltmeisterschaft eine Hymne aufgenommen. Erfolgreicher
als in dieser Zeit war der deutsche Fußball nie.
Die Stammtischbrüder
Die Fußball-Kommentatoren und Sprach-Floskeln
Die Fußball-WM in Frankreich bietet nicht nur das Kräftemessen der
Kicker, sondern den Fernsehzuschauern auch das rhetorische Schaulaufen
der Reporter. ARD und ZDF haben fast ausnahmslos alte Haudegen
aufgestellt, die den Zuschauer gut informieren und unterhalten,
aber möglichst wenig nerven sollen. Doch die Aufgabe ist nicht einfach.
Vielen Sprachästheten sträuben sich bei der gängigen Fußball-Sprache
schlicht und ergreifend die Haare. Und auch die Fans können
abgedroschenen Phrasen wie "Ein Spiel dauert 90 Minuten" oder
"Der Ball ist rund" kaum noch etwas abgewinnen. Aber auch neue,
hochgeistige Analysen sorgen eher für Gelächter, zum Beispiel Wilfried
Mohrens Erkenntnis: "Wir nähern uns jetzt dem Punkt im Spiel, der der
Dreh- und Angelpunkt sein kann, muß aber wohlgemerkt nicht der
Kulminationspunkt sein."
Fußball? Was wir in den nächsten Wochen sehen werden, ist
gar kein Fußball. Es ist Fernseh-Fußball. Eine Inszenierung. Also etwas
völlig anderes.
Die Ordnung und das Abenteuer
"Endlich werden die Zauberstäbe ausgepackt."
(Gerd Rubenbauer, Sportreporter, beim Spiel Deutschland-Nordirland, 1996)
Rheinische Niedergänge
Steigen Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln nach dreißigjähriger Zugehörigkeit zur
Bundesliga heute ab, ist mit eher gemischten Gefühlen zu rechnen. Die Fohlen und Geißböcke
des Fußballs haben ihre Modernisierung verschlafen.
Alte Liebe rostet doch. Sonst hätte die Sportjournaille eine bessere Idee gehabt, als zum
Niedergang Borussia Mönchengladbachs pausenlos Günter Netzer zu befragen. Denn diesem
fällt zu seinem uralten Klub soviel ein wie der späten Romy Schneider zu ihren
Sissi-Filmen. Bemerkenswert ist lediglich die Arroganz, mit der der frühere Spielmacher in
einen"Stern"-Interview sein Herr-Knecht-Verhältnis zum Wasserträger "Hacki" Wimmer erläuterte.
Dieser habe sich für die Lauffaulheit des Meisters immerhin noch das Hüftgelenk ruiniert. Mit
einem Selbstlosen wie "Hacki" würde Borussia heute nicht vor dem Abstieg stehen, sollte
Netzers Botschaft wohl lauten. Bei den rheinischen Leidensgenossen in der Domstadt wird
dieser Tage ähnlich bittere Nostalgie mit Wolfgang Overath getrieben. Der elegante Berserker
war sich einst für keinen Zweikampf zu schade.
Mit dem FC Ruhmreich auf der Verliererstraße
Umsatzeinbußen wegen Niederlagen-Serie: Kneipenwirt fordert 20 000 Mark Schadenersatz
Etzel ist bekennender FC Bayern-Fan, und Etzel ist Wirt im Münchner
Glockenbachviertel. Im Prinzip eine glückliche Verbindung: Wann immer die
"Roten" in der Vergangenheit auf dem Rasenrechteck auflaufen, um Punkte
und Geld einzuheimsen, flimmert in seiner Kneipe der Fernseher. Bislang
zum Segen aller Beteiligter. Die Tifosi aus der Nachbarschaft wußten, wo
sie den Kick unter Gleichgesinnten verfolgen konnten. Saßen dann die Gäste
dichtgedrängt vor der Mattscheibe beisammen - Fensterbänke avancierten zur
VIPLounge -, erreichte die Stimmung oft Südkurven-Qualität.
Etzel wiederum, soweit ist er dann doch Geschäftsmann, hörte in seinem
Privat-Stadion die Kasse klingeln. Und der FC Ruhmreich profitierte
ebenfalls: Zwischen Ausgleichs- und Siegtor, zwischen zweiter und dritter
Halbe Bier wurde Spieltag für Spieltag der unverbrüchliche Bund zwischen
den Fans und ihren kurzbehosten Idolen erneuert. Die Kneipe als Nährboden
der Volkslegende, die von den gloriosen Tagen unter Kaiser, Katsche und
Kalle raunt und gleichzeitig den Traum nährt, der Fußballglobus drehe
sich eines Tages endgültig ums Olympiastadion.
Dieser Traum scheint ausgeträurnt. Zwar ließen sich mit der Truppe um Trap
bereits in der Vorrunde kaum einmal rauschende Fußballfeste feiern. Doch
immerhin stimmte die Bilanz. Die Fans in der Kneipe trösteten sich mit dem
Kanzlerwort "Wichtig ist, was hinten rauskommt" und einer weiteren Halbe.
Wie Flasche leer!
VON GIOVANNI TRAPATTONI
Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Berlin-Umfrage in dieser Zeitung, derzufolge die Wähler mit den Leistungen des Senats absolut unzufrieden sind, hielt Giovanni Trapattoni bei einer Pressekonferenz seine zweite Rede an die Nation. Wir dokumentieren sie in Auszügen.
Ich bin Anti-Fan, ich weiß von nichts
Ganz besonders in Mode ist der Antifan, nicht immer, aber immer öfter. Der
Anti-Fan ist der,
der beispielsweise sagt, er gehe nie ins Stadion, und wenn doch, dann
nur wegen der frischen Luft.
Der Anti-Fan sagt, er interessiere sich nicht für Fußball, kein bißchen.
Der Anti-Fan behauptet,
er habe keine Ahnung, wer in der Bundesliga vorne ist, und wenn man darauf hinweist, daß
in diesem Jahr Weltmeisterschaft ist, meint er mit impertinenter Höflichkeit: "Ach ja?!"
Manchmal fügt er noch staunend-hochnäsig hinzu: "Ich wußte gar nicht, daß Sie sich für Fußball
interessieren!" Dabei guckt er so, als sei man ein Kalb mit zwei Köpfen. Der Anti-Fan sagt, er gehe
in München nur ins Olympiastadion wegen der interessanten Dachkonstruktion. Und beim FC St.Pauli
wolle er ausschließlich eine soziale Studie treiben. Ähnliches behauptet er nach einem Besuch
bei Borussia Dortmund: "Ist es nicht seltsam, daß in einer Region mit den meisten Arbeitslosen immer
noch so viel Geld ausgegeben wird?!"
Wenn man ihn nach dem Verhältnis von Möller und Scala fragt, stellt er rigoros fest: An der
Mailänder Scala hat noch nie einer namens Möller gesungen!" Der Anti-Fan ist ein ziemlicher
Armleuchter und darf in keinem Fall mit dem sogenannten Muffel verwechselt werden: Der Muffel
weiß sogar, warum Kuffour bei den Bayern nicht mitpielt, welche Rolle Franz Beckenbauer gerade gibt,
warum Balakow in Stuttgart bleibt und wohin er Rehhagel wünscht. Der Muffel sagt nach jedem
Heimspiel, daß er nicht mehr hingeht und kauft sich zehn Minuten später die Karte für das nächste
Heimspiel. Der Anti-Fan weiß manchmal auch alles, aber er tut so, als sei dieses Wissen so
unappetitlich wie der Rest eines Rühreis im Schnurrbart von Daum. Selbstverständlich lehnt der
Anti-Fan es ab, sich an einer Diskussion über den Wert oder Unwert einer Fußball-Winterpause
zu beteiligen, während der Muffel darüber zumindest muffelt. Der AntiFan näselt den Uraltwitz von
den 22 Männern, die hinter einem einzigen Ball herlaufen ("Warum gibt man nicht jedem einen Ball -
hahaha! "), wofür man ihn im Mittelalter öffentlich verprügelt hätte.
Solche Typen behaupten nach einem Paris-Besuch, sie hätten den Eiffelturm überhaupt nicht
wahrgenommen - sie lehnen den besten Roten der Welt ab wegen der Magensäure, und sie haben
von Uwe Seeler nur das schreckliche Wort Kopfballtorpedo behalten. Natürlich hat sich ein Anti-Fan
noch nie an einem frostigen Samstagnachmittag auf eine Tribüne begeben, wo ungefähr 20000
Menschen sicher sein können, spätestens 24 Stunden später die Anzeichen einer schweren
Grippe zu verspüren. Der Anti-Fan weiß auch nichts von dem elementaren Gemeinschaftsgefühl
von 40000 eiskalten Füßen, einer entsprechenden Anzahl tropfender Nasen und der Nützlichkeit
von langen, innen aufgerauhten Unterhosen.
Der Anti-Fan geht allerdings am Sonntagabend ins Kino oder ins Konzert, wo er neben einem sitzt,
der ihn ansteckt, was eine Art ausgleichender Gerechtigkeit ist. Der Anti-Fan ist ein Ignorant und
lehnt es deshalb am Montagmorgen ab, die Tabelle mit den Möglichkeiten der noch ausstehenden
Spiele der Restsaison auszurechnen - selbstverständlich unter Berücksichtigung eventueller
Verletzungen und Gelbkartensperren. Es ist nicht einmal auszuschließen, daß der Anti-Fan deshalb
eventuell unter weniger Streß leidet, seltener schlechte Laune hat und sogar einen Haufen Geld
spart. Aber der Anti-Fan führt ein schrecklich langweiliges Leben.
U. K.
Tsp.v. 31.1.98
Das menschliche Gesicht des Fußballs ausgeblendet
Wie man Bundesliga als Gesamtkunstwerk inszeniert - und das Geschehen um das Runde Leder
positiv und negativ verändert
BERLIN. Als Berti Vogts noch der "Terrier" war, Franz Beckenbauer als "Kaiser" auf dem Platz regierte
und Gerd Müller der Nation alle Ängste aus der Seele schoß, galt der Fußball als letztes unwiderlegtes
Gesellschaftsmodell. Edel war der Spieler, der Trainer hilfreich und alles gut. Heute, so wird geklagt,
sei der eigentliche Reiz dahin. Der Schuldige ist schnell ausgemacht: Das Privatfernsehen und dafür
stellvertretend der Sat-1-Fußball. Aber gibt es sie wirklich, die Zurichtung des Fußballs, seine Dressur
zum Pausenfüller, die reine Ausrichtung auf die Gesetze des Marktes? Und wenn: Ist dafür das
Fernsehen verantwortlich? This page is maintained by
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Jetzt aber, wo das deutsche Team in Frankreich nach dem WM-Gold zu greifen versucht und sich zum
morgigen Auftaktspiel gegen die USA rüstet, steht die Truppe ohne eigenes Lied da. Keine Plattenfirma
wollte die Produktionskosten auf sich nehmen. Denn während "Fußball ist unser Leben", die von Jack White
komponierte Hymne von 1974, noch ein hunderttausendfach verkaufter Hit war, entpuppte sich "Far away in
America", das mit den Village People eingespielte Lied von 1994, als Flop. Unerbittlich gilt in der Welt des
Fußballs: Der Ball ist rund, aber rollen muß der Rubel.
Der englische Zoologe Desmond Morris, der seit den achtziger Jahren als einer der ersten Wissenschaftler
das Phänomen der Fußballgesänge erforscht hat, vergleicht das Absingen von Liedern im Stadion mit den
Kampfritualen afrikanischer Stammeskrieger. Durch das gemeinsame Singen, so Morris, verwandele sich
"eine Gruppe junger Menschen in ein riesiges Tier aus vielen Menschenleibern, das auf jeden Feind
furchterregend wirkt". Der Oxfordprofessor bezieht sich damit zwar auf die Schlachtgesänge der Fans,
seine Aussage läßt sich aber auch auf die singenden Mannschaften anwenden. Im Lied steckt eine
archaische Kraft, die eine Ansammlung von Individuen
a) zu einem Kollektiv zusammenschweißt,
b) auf ein gemeinsames Ziel einschwört und
c) den Gegnern signalisiert, daß mit ihnen nicht gut Kirschen essen ist.
"Die Mannschaft ist der Star": Schöner als durch ein gemeinsam dargebotenes Ständchen ließe sich die
von Bundestrainer Berti Vogts ausgegebene Parole wohl kaum ausdrucken. Doch die einzige Hymne, die
sein Team in Frankreich singen wird, ist das Deutschlandlied.
Die sechs Lieder, die unsere Nationalelf aufgenommen hat, sind Dokumente eines erstaunlichen
Emanzipationsprozesses. Durch "Fußball ist unser Leben", die 74er-Hymne mit ihrem zackigen,
mitschunkelfähigem Polkarhythmus, weht noch der Bratwurstduft teutonischer Festzeltgemütlichkeit.
Später werden der deutsche Fußball und das deutsche Singen dann immer eleganter, filigraner und
weitläufiger. Anfangs singen die Kicker noch ganz auf Deutsch, später streuen sie immer wieder
fremdsprachliche Brocken in ihre Refrains. Am Ende, der Fußball bricht auf gen Amerika und damit zu
neuen Ufern (1994), sind sie sogar zum Absingen kompletter englischer Sätze in der Lage: "You gonna
make it, get up and shake it / Far away in America."
Der Rhythmus ist jetzt nicht mehr dumpf und hart, sondern weich und geradezu groovy. Bekannt
geworden sind die Village People, Könige der New Yorker Discoszene, als bekennende Homosexuelle.
Das muß man sich einmal vorstellen: Der deutsche Fußball hat auf einmal Groove! Und Andreas Möller
und Jürgen Klinsmann tanzen mit Schwulen, die sich als Polizisten oder Indianer kostümiert haben!
Undenkbar wäre so etwas gewesen in der Ära des Bundestrainers Helmut Schön, des Fußballpatriarchen
mit der Schiebermütze. Fußball ist unser Leben: das war ein programmatisches Bekenntnis. Über
Bildungsreform und die neue Ostpolitik wurde allenthalben diskutiert in den Willy-Brandt-Jahren,
doch der Kopf eines Nationalspielers hatte frei zu sein fürs Köpfen. Gefragt waren noch immer die
Ärmel-aufkrempel-Tugenden des Wiederaufbaus. "Wir kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor
nach dem andern fällt / ja, einer für alle, alle für einen, wir halten fest zusammen." Das Cover der Platte
zeigt die Nationalspieler mit nackenlangen Haaren (Ausnahmen: Georg "Katsche" Schwarzenbeck und
Berti Vogts) und in hellblauen Adidas-Trainingsanzügen mit Bügelfalte. Wenn alle fest hinten
zusammenstehn, sind wir unbesiegbar. Die Sache hat dann ja auch geklappt.
Von der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien hat sich vor allem eine akustische Momentaufnahme in
das Gedächnis der Nation eingebrannt: der"Tooorl Tooor! I werd narrisch! Der Kollege Toningenieur und I,
wir busseln uns ab! "-Ausruf des österreichischen Fernsehkommentators Eddi Finger. Mit drei Toren
hatte der Alpennationalspieler Hans Krankl Deutschland in der zweiten Finalrunde aus dem Wettbewerb
geschossen.
Der Titelverteidiger war blamiert. Peinliches Ende einer erwartungsvoll angetretenen Dienstreise, das
allerdings bereits in der WM-Hymne "Buenos Dias, Argentina", aufgenommen mit
Udo Jürgens, vorauszuahnen war. "Buenos Dias, Argentina, er war lang, mein Weg zu dir/Doch nun
schwenk' ich den Sombrero, Buenos Dias, ich bin hier." Genauso pomadig und schwerfällig wie ihr Lied
war auch die Spielweise der Nationalspieler. Melancholie ist ein Gefühl, das man tanzen kann. Man kann
es aber auch kicken.
Der Tiefpunkt war aber erst vier Jahre später erreicht, bei der WM 1982 in Spanien. Auch hier nahm die
Hymne das Ergebnis im Grunde genommen vorweg. "Das Glück hat einen Namen, in Spanien heißt es
La Felicidad", sangen die deutschen Spieler, angeführt von Michael Schanze, "es liegt im Lachen der
Senoritas und ihren Lippen wie roter Mohn/ Olé ola, Olé ola, Olé Espana e la musica." Kein Wort mehr vom
Teamgeist, statt dessen wurden zu hedonistischem Disco-Beat "weiße Strände", die "rote Sonne" und
"heiße Nächte voll Zärtlichkeit" beschworen. Nicht als Mannschaft, sondern als undisziplinierter Haufen
überbezahlter Stars traten die deutschen Spieler in Spanien auf. Über ein 1:0 gegen Österreich gurkte sich
die Truppe um Breitner, Schumacher und Rummenigge zwar bis ins Finale durch, wurde dort aber
gerechterweise von Italien mit 3:1 abgefertigt. Der Ruf war ruiniert.
Es folgte die geistig-moralische Wende. Jupp Derwall stürzte, Franz Beckenbauer wurde als Teamchef
installiert. Ein Rollback begann, zurück zu den Tugenden von 1974: Disziplin und Kampfkraft. Da war es
nur folgerichtig, die Hymne für das Tunier in Mexiko 1986 mit Peter Alexander zu produzieren, dem
Altstar mit der Witwentrösterstimme."Mexico mi amor, mi amor / Spiegel der stolzen Seele sind deine
Lieder." Die Melodie schunkelt im Walzertakt, im Hintergrund schwelgen die Geigen. Elegant war das
Spiel der deutschen Elf in Mexico nicht, aber effektiv. Sie steigerte sich von Match zu Match und wurde
erst von Argentinien im Endspiel mit 3:2 besiegt. Mit gewachsenem Selbstbewußtsein fuhr das
Beckenbauerteam dann 1990 zur Endrunde nach Italien. Nur ein Ziel konnte es geben: Rom, den
Austragungsort des Finales. "Sempre Roma" hieß deshalb das Lied zur WM, noch einmal mit Udo
Jürgens intoniert. Fußballkaiser Franz und Schlagerkönig Udo: das paßte. "Sempre Roma, der Wind im
Colosseum singt Lieder aus vergangener Zeit / Und durch den Titusbogen weht leise die Unendlichkeit."
Eine Siegeshymne, unterlegt mit donnerndern Syntheziserschmalz. Der Rest ist Geschichte: der
2:1-Viertelfinalsieg gegen Holland mit Rijkards Spuck-Attacke auf Völler, das Hitchcock-Halbfinale gegen
England, das Endspiel gegen Argentinien, Brehmes im linken Eck versenkten Elfer zum 1:0.
Und nun? Vor dem Freundschaftsspiel der deutschen Mannschaft gegen Brasilien war zum ersten
Mal das neue offizielle DFB-Stück "Running with a dream" zu hören, schmachtend vorgetragen von
Anna-Maria Kaufmann. In ihrem Pathos erinnert die Hymne an die Lieder, die eingespielt werden, bevor
Henry Maske oder Graciano Rocchigiani in den Ring steigen. Doch wie es um den deutschen Boxsport
steht, davon wollen wir an dieser Stelle lieber schweigen.
Mohren, der bei der ARD auch in Frankreich wieder zum Einsatz kommt,
gilt überhaupt als Meister im Verkomplizieren einfacher Sachverhalte.
Besonders beliebt bei Kritikern ist seine Erklärung zur eingeblendeten
Spielzeit: "Das sind jetzt die Koordinaten des Spiels." Gar zu einem
Buch hat es Heribert Faßbender von der ARD geschafft. Unter dem Titel
"So werde ich Heribert Faßbender" werden nach Angaben der Autoren die
1750 wichtigsten Wörter und Wendungen für eine Fußballreportage
aufgeführt.
Als Sat 1 die Bundesligarechte erhielt, wurden in der Redaktion
"ungeschriebene Giftlisten" mit Worthülsen aufgestellt, die auf keinen
Fall benutzt werden sollten. Inzwischen haben sich die Reporter des
Senders ihre eigenen, neuen Phrasen geschaffen, an die Diskussionen
über die "Giftlisten" kann sich auch keiner mehr erinnern.
Bei ARD und ZDF wurde erst gar nicht versucht, solche Listen
aufzustellen. Auch Extra-Sprachbesprechungen anläßlich der WM gab
es nicht. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender begründen dies damit,
daß es nicht notwendig sei. So sagt Klaus Schwarze, einer der beiden
WM-Programmchefs der ARD: "Unsere eingesetzten Kollegen verwenden
Floskeln eigentlich nie, oder nur im äußersten Notfall." Und der
verantwortliche ZDF-Regisseur beim deutschen Mannschaftsquartier in
Nizza, Norbert Geis, verweist darauf, daß die Reporter auch unabhängig
von einer WM immer gehalten sind, "nach Möglichkeit klares und
verständliches Deutsch" zu sprechen.
Für die sich wiederholenden Banalitäten machen Sprachforscher nicht die
Reporter allein verantwortlich, sondern auch die Sportart:
"Sozialgeschichtlich sind das Fußballspiel und dessen Rahmenbedingungen
in der gesellschaftlichen Unterschicht entstanden", erklärt der Germanist
Peter Braun. "Diese Herkunft läßt sich bis heute nicht verbergen."
Ähnlich sieht es der Frankfurter Kommunikationsforscher Henning Haase.
Die Kommentatoren versuchten offenbar, sich den durchschnittlichen
Fußball-Fan vorzustellen, "den Stammtischbruder". Und dann übernähmen
die Kommentatoren unbewußt die vermutete Sprache ihrer Zuschauer".
Außerdem sei die Besonderheit einer Fußballübertragung, daß jeder am
Bildschirm selbst sieht, was geschieht. Da gebe es eigentlich nicht mehr
viel zu erzählen, sagt Haase. Einige handelten deshalb vielleicht aus
Verzweiflung nach dem Motto: "Wenn man schon als Reporter engagiert ist,
muß man auch was sagen." (AFP)
Solche Einlassungen kann man auf der Gerd-Rubenbauer-Homepage finden,
die hartgesottene Rubenbauer-Fans im Internet eingerichtet haben. In
den nächsten Wochen werden sich wieder alle über die Fußballreporter
lustigmachen. Das ist ein bißchen ungerecht, aber es gehört zum Ritual
einer Fußball-Weltmeisterschaft. Leute, die es nicht gewohnt sind,
sitzen bei Fußball-Weltmeisterschaften öfter vorm Fernseher, als ihnen
guttut.
"In Schönheit sterben kann auf die Dauer tödlich sein." (Werner Hansch, Fußballreporter)
In Werner Hansch ist die Leidenschaft Wort geworden. Dabei sieht er aus,
wie man sich einen Studienrat für Englisch und Geographie vorstellt.
Kariertes Jacket, weißer Schnurrbart. Werner Hansch hat sein erstes
Fußballspiel erst mit 35 Jahren gesehen, 1973. Er war damals immer noch
Student, und verdiente sich sein Geld als Sprecher auf Trabrennbahnen.
Seinen heutigen Beruf nennt er: Singvogel. Leute wie er sind die
modernen Nachfolger der Kinoerzähler. Oder geht es noch weiter zurück,
zu den Mythendichtern? Ist Hansch nicht ein bißchen wie Homer?
Die Fußball-Reporter sind heute schlechter als früher, hört man oft.
Wahrscheinlich hat jedes Volk nur einen begrenzten Vorrat an guten
Fußball-Moderatoren, so, wie es ja auch nicht unbegrenzt viele begnadete
Violinistinnen gibt. Die Vielfalt der Sender hat dazu geführt, daß die
wenigen Talente sich weit in der Landschaft verteilen. Und Heribert
Fassbender, der Gebieter über den ARD-Sport, ein bestenfalls mittleres
Talent, hat den Ruf, gute junge Reporter oder gute Regisseure gnadenlos
wegzubeißen. Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich die Fußball-Weltmeisterschaften
gesichert. Das bedeutet: weniger Werbepausen, aber
die schlechteren Reporter. Hansch zum Beispiel ist bei SAT 1.
"Beim 'Hamlet' weiß ich vorher, wie's ausgeht, egal, wie die Inszenierung
ist. Beim Fußball weiß ich es nicht." (Leander Haußmann, Theaterregisseur)
Die Leute gucken Fußball, weil Fußball ein Drama ist. Das sehen sogar
Frauen ein. Fußball besteht aus Freude, Leid, Wut. Aus jenen Emotionen,
die wir im wohltemperierten Alltag (und im Theater, und im Kino) bisweilen
vermissen. Welcher Romancier bietet uns heutzutage noch eindeutige
Schurken oder eindeutige Helden? Stephen King vielleicht, aber der
schreibt immer das gleiche.
Die Frage ist, wie man das inszeniert. In Duisburg gab es dazu am
Wochenende die Tagung "Fußball wie noch nie", veranstaltet von der
"dokumentarfilminitiative", die zum Filmbüro Nordrhein-Westfalen gehört.
Man analysierte Fußball-Reportagen von einst und jetzt, zum Beispiel
Juventus Turin gegen Borussia Dortmund, das Europapokal-Finale von 1997,
Reporter: Marcel Reif. Oder Deutschland-Jugoslawien, ein Dauerbrenner,
diesmal die 0:1-Niederlage der Deutschen bei der WM 1962. Damals waren
sich die Spieler noch nicht bewußt, daß sie gefilmt wurden. Der Spieler
Schnellinger simuliert nach einem gegnerischen Foul gräßliche Qualen.
Sobald der Schiedsrichter nicht mehr hinschaut, ist Schnellinger sofort
wieder wohlauf. Heute spielen die Gefoulten für die Kamera weiter.
Einer der besten Schauspieler der Welt heißt Köpke und steht für die
Deutschen im Tor. Köpkes Kollege Jürgen Rollmann, früherer
Bundesliga-Torwart bei Werder Bremen und beim MSV Duisburg, meint
sinngemäß: Klar, Köpke ist großartig. Aber er inszeniert seine
Super-Paraden auch bei den leichtesten Bällen.
RTL hat das Turin-Spiel mit 23 Kameras übertragen. Es gab einen Kran,
Schienen neben dem Spielfeld, zwei Kameras befanden sich in den beiden
Toren. Andere Kameras waren auf die beiden Trainer oder auf prominente
Zuschauer gerichtet. Dieser Aufwand ist mit dem eines Spielfilms
vergleichbar. Auch die Inszenierung schmiegt sich an die Konventionen
des Spielfilms an. Reif und sein Regisseur Volker Weicker variieren
zwischen einer Vielzahl von Einstellungen, sie dynamisieren, sie
entscheiden sich für Helden und für Schurken, sie besetzen auch
Nebenrollen sorgfältig. Das inszenierte Spiel, das Fernsehereignis,
hat mit dem realen Spiel, das die Zuschauer im Stadion erleben, so wenig
zu tun wie ein Fernsehkrimi mit der realen Mordkommission.
Als das Farbfernsehen aufkam, wurden auf dem Platz die roten und die
gelben Karten eingeführt. Fußball, sagt der Kölner Medienwissenschaftler
Dietrich Leder, ist ein Halbprodukt. Er wird vom Fernsehen veredelt,
zum Endprodukt "Fernsehfußball". Fußball ist das Erdöl, Fernsehen ist
die Raffinerie. Was wir kriegen, ist das Benzin. Der nächste Schritt
wird "Virtual Reality" heißen, dann können auch strittige Szenen, die
von der Kamera nicht eingefangen wurden, perfekt simuliert werden.
Dank Virtual Reality weiß man jetzt, daß das dritte Tor von Wembley 1966,
der umstrittenste Treffer der Fußballgeschichte, drin war.
Bundespräsident Lübke, vielgescholten, hatte es ziemlich richtig gesehen.
Nichts gegen Lübke.
Es gibt keinen einzigen wirklich guten Kino-Spielfilm über Fußball.
Fernsehen ist besser, live ist besser, nur aus einem schlappen 0:0 kann
sogar RTL kein Drama herstellen.
"Beim rechten Fußball wird viel von Opfern und Arbeit geredet. Er wirft
einen Blick nur auf das Resultat... Der linke Fußball aber feiert die
Intelligenz, er schaut auf die Mittel, mit denen das Ziel erreicht wird.
Er möchte ein Fest feiern." (Cesar Luis Menotti, Trainer der
argentinischen WM-Sieger von 1978)
Also spielen die Deutschen rechten Fußball, und die Brasilianer sind eher
links. Aber Herr Menotti macht es sich da ein bißchen einfach. Er
definiert "guten" Fußball, und sagt: So, liebe Leser, das nenne ich
links. Schlechter Fußball ist für mich rechts. Nach der gleichen Logik
werden gute Boxer, Muhammad Ali vor allem, zu linken Boxern erklärt. Ein
Linker hält alles Schöne für tendenziell links; alles Unschöne hält er
für rechts. Marilyn Monroe ist links. Vereiterte Weisheitszähne sind rechts.
Erster Grundwiderspruch des Fußballs: Manchmal gewinnt die schlechtere
Mannchaft. In einem Aufsatz für das "SZ-Magain" schreibt Menotti auch,
daß guter Fußball aus zwei Grundelelementen besteht, Ordnung und Abenteuer.
Die afrikanischen Teams hatten bisher wenig Erfolg. Obwohl sie schön
spielten. Die Ordnung fehlte. Den Deutschen fehlen oft die Abenteurer.
"Den größten Teil meines Geldes habe ich in schnelle Autos und schöne
Frauen angelegt. Den Rest habe ich sinnlos verprasst." (George Best,
englischer Fußball-Star, ein Genie)
Zweiter Grundwiderspruch: Fußball ist ein Mannschaftssport und lebt
von Stars. Die Stars sind beliebter als die Trainer, sie verdienen mehr,
trotzdem sollen sie klaglos das machen, was ihr Trainer ihnen sagt.
Der Filmtheoretiker Werner Ruzicka beschrieb in Duisburg, wie Berti
Vogts die Deutsche Mannschaft in eine Maschine zu Verwandeln versucht.
Vogts entindividualisiert die Spieler. Er sagt über sie: Das ist "ein"
Jeremies, "ein" Möller, "ein" Matthäus. Er achtet darauf, daß er für
jede Position zwei gleichwertige, fügsame, jederzeit austauschbare
Personen zur Verfügung hat. Nicht nur die Gemüter, sogar die Körper
der Spieler ähneln sich wie ein Ersatzteil dem anderen. Die bulligen,
dicken Typen, wie Gerd Müller oder Helmut Rahn, es gibt sie nicht mehr.
Biertrinker, Raucher, Exzentriker: raus! Der geniale Spieler hat keine
Chance, sofern er Körper und Charakter nicht bedingungslos anpasst.
Die deutsche Mannschaft besteht aus perfekten modernen Arbeitnehmern,
auf nichts festgelegt, so, wie es der amerikanische Soziologe Richard
Sennett in seinem Buch "Der flexible Mensch" beschrieben hat: "Es gibt
keine Pfade mehr, denen Menschen in ihrem Berufsleben folgen können."
Berti Vogts tut das deshalb, weil die Spieler verletzungsanfälliger sind
als früher. Sie spielen viel öfter, sie gehen folglich öfter kaputt.
Ein hohes Risiko für alle Mannschaften, die sich auf einen einzelnen,
genialen Spielmacher verlassen, auf ein unverwechselbares Individuum.
Ergebnis einer Fachtagung: Berti Vogts geht auf Nummer sicher. Sollen
wir etwa darüber meckern? Er macht es genauso wie die meisten von uns.
Egal, was in den nächten Wochen passiert, es geschieht uns recht.
"Wir sind nicht frauenfeindlich. Aber wir haben ein Ziel vor Augen."
(Berti Vogts)
Das rheinische Fußballherz blutet zwischen Mönchengladbach und Müngersdorf.
Die Fohlen und Geißböcke stehen nach mehr als dreißigjähriger Zugehörigkeit zur Bundesliga
vor ihrer ersten Deklassierung. Doch in die Trauer mischt sich auch ein wenig Schadenfreude
und naßforscher Sanierungseifer. Zuviel Frust mußten die Fans beider Klubs über
Vorstandsfehden, Managerflops, Trainerwechsel und Negativserien der Mannschaft ertragen.
Deshalb scheinen auch viele Tränen so wenig echt wie jene von Stefan Effenberg nach dem
Gladbacher Heimdebakel gegen Duisburg. Die Kraft zur Legendenbildung am Bökelberg ist
schon lange versiegt, die Schadenfreude über die selbstverschuldete FC-Pleite selbst bei
waschechten Kölschen unüberhörbar.
Die Kölner Fans gelten als die größten Masochisten der Liga. Auch das nicht geahndete
Handspiel des Schalkers Oliver Held oder das angebliche Wembleytor des Bielefelder Arminen
Uwe Fuchs bieten kaum Stoff für eine authentische Tragödie des Bundesliga-Evergreens.
Glichen die Domstädter nicht einem Selbstmordkandidaten, der von Versuch zu Versuch,
pardon: von Saison zu Saison, die unverträgliche Dosis erhöhte, bis es ihm - 1998 - dann
doch gelingen sollte, sich von der Bühne zu schaffen?
Und die Borussia? Beim letzten Heimerfolg gegen Hansa Rostock verkam der ansonsten
so gediegene Bökelberg zur schäbigen Lokalposse. Pflipsens unwürdige Geste in Richtung
des Managers nach seinem Torerfolg, Wynhofs verbale Entgleisung nach dem Schlußpfiff,
Effenbergs stilloser Abgesang im ZDF-Sportstudio. Der Niedergang der alten Borussenherrlichkeit
wird komplettiert durch traurige Trainerschicksale - Ewald Lienens Ausraster gegen
Schiedsrichter Dardennes rote Karte, Heynckes' Einsamkeit im königlichen Madrid und die
Karlsruher Demission von Netzers einstigem Reservisten, Winfried Schäfer. Nicht zu vergessen
die kreuzbrave DFB-Existenz eines Rainer Bonhof, der an Bertis Seite nur wie der Bohl vom
Kohl wirkt.
Die große Zeit der Kölner ist Vergangenheit und die der Borussen Geschichte. Die
Erfolgsstories der beiden Vereine gehören indes zum vornehmeren Fundus der obersten
Spielklasse. Beide galten als das spielerische Nonplusultra des hiesigen Fußballs - Köln
in der Pionierphase der Bundesliga und Gladbach in den 70ern. Bezeichnend, daß beide
ihre größten Zeiten unter demselben Coach erlebten. Hennes Weisweilers Stern strahlte
freilich nur unweit der Domzinnen. In Barcelona etwa galt er nicht viel und verlor den
internen Machtkampf mit dem Topstar Johan Cruyff. Als er beleidigt nach Köln zurückkehrte,
kreuzten seine beiden Herzensklubs in atemberaubender Manier die Meisterschaftsklingen.
Im Bundesligafinale 1978 schossen sich Heynckes & Co. beim kuriosen 12:0 über Rehhagels
Dortmunder bis auf drei Tore an Weisweilers Meisterteam um Schumacher und Flohe heran.
Köln war aber selten Spitze, oft jedoch Mittelpunkt, die Nationalspieler nie Mitläufer,
sondern meist Protagonisten. Nicht etwa Bayern München, sondern der FC bestückte als
einziger Verein alle drei deutschen Weltmeistermannschaften: Hans Schäfer die 54er,
Wolfgang Overath die 74er, Bodo lllgner und Pierre Littbarski die 90er. Und alle spielten
sie weltmeisterlich. Doch in der Bundesliga brannten die Fohlen stets vor Ehrgeiz, während
die phlegmatischen Geißböcke meist den Eindruck erweckten, nur mitzuspielen, um dabei
zu sein, aber nicht sonderlich auffallen zu wollen.
Borussia war oft genug Spitze und doch nur die ewige Nummer Zwei, weil sie weniger Titel
als die Bayern und international nur den UEFA-"Verlierer-Cup" (so Beckenbauer) gewann.
Der Mythos Mönchengladbach schwankt zwischen einem nostalgischen Netzerismus und
den kleinökonomischen Überlebenskünsten Helmut Grashoffs, der Jahr für Jahr das Fohlenlicht
unter seinen Krämerscheffel stellte und gereifte Stars reihenweise verschacherte. Was Wunder,
daß der inzwischen verstorbene langjährige Manager seine kleinmütigen Erinnerungen an
dreißig Jahre auf dem Bökelberg mit "Meine launische Diva" überschrieb.
Die gängige Borussen-Nostalgie wirkt dagegen nur noch wie der Erinnerungskitsch von
68ern. Die Netzer-Legende basiert auf einer gefälligen Mischung aus geschönter Ballhistorie
und ewigem Nonkonformismus. Auch die Ästhetisierung des Kickens, die mit der
Gladbach-Huldigung stets einherging, will einem oft wie altlinkes Jammern über fehlende
Utopien und Visionen erscheinen.
Die Aufteilung des ehemaligen argentinischen Nationaltrainers Menotti in linken und rechten
Fußball war nie mehr als ein hübsches Klischee. In Wahrheit gilt auch und gerade im Fußball
die Unterscheidung zwischen Modernisierern und Fußkranken. Jene krude Unterscheidung
des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten, wonach es nur noch moderne und unmoderne
Wege gebe, hat sich auch im deutschen Spielbetrieb durchgesetzt. Während das
Reviertandem Dortmund-Schalke mit Bravour die Modernisierung ihrer Vereine vorantrieben,
glich das Duo Köln-Gladbach in den letzten Jahren eher einer Variante des allmählich
stagnierenden rheinischen Kapitalismus in Zeiten der Globalisierung. 1995 nach ihrem
Pokalsieg strebte die Borussia noch den Status der "dritten Kraft im Lande" an. Doch
Rüßmanns hochfliegende Ambition sollte sich als Größenwahn erweisen. Und die Kölner
schafften nie mehr den Sprung nach vorn in die Nähe der Vizemeisterschaften Christoph
Daums am Ende der 80er Jahre.
Wenn es stimmt, daß Fußball und Psyche nicht zu trennen sind, dann erwächst daraus im
Kohlenpott ein Kampfappell und im Rheinland ein Armutszeugnis. Wie also wird man dort
auf den Doppelabstieg reagieren, falls er heute in Wolfsburg und Müngersdorf Wirklichkeit
werden sollte? Sicher gelassener als die treuen Pfälzer, die den Abstieg 1996 nur als rasch
zu tilgenden Betriebsunfall hinnahmen.
Der Bökelberg ist kein Betzenberg. Zudem steht ein besorgniserregender Aderlaß ins Haus.
Die Befürchtung ist groß, Borussia könne auf Nimmerwiedersehen die große Fußballbühne
verlassen, als graue Zweitligamaus enden wie Uerdingen oder Wattenscheid, schlimmer noch:
in der Regionalliga versinken. Aber noch immer hoffen die Zweckoptimisten, daß der
Stadionneubau auch zu einer erstklassigen Mannschaft verpflichte. Währenddessen verspricht
der Kölner Abschied zunächst ein unappetitliches Hauen, Ziehen und Stechen um Fehler und
Sündenböcke in der Vergangenheit. Eintracht Frankfurt läßt grüßen!
Doch sei nicht vergessen: Abstiege müssen keine Tragödien mehr sein. Selbst der ruhmreiche
AC Mailand mußte sich schon einmal aus der Seria A verabschieden. Als der Vfl Stuttgart einst
abstieg, kam er mit Hansi Müller wieder. Und Werder Bremen mit Otto Rehhagel, die nach einer
einjährigen Deklassierung zum dauerhaften Sprung in die deutsche Spitzenklasse ansetzten.
Mehrfachabsteiger Schalke mauserte sich zum beständigen UEFA-Cup-Kandidaten.
Und Kaiserslautem erst... Natürlich gibt es auch die Gegenbeispiele vom freien Fall der
Münchener Löwen, des 1. FC Nürnberg oder der Düsseldorfer Fortuna in die Regionalliga.
Doch auch sie kehrten wieder.
Manche in Köln trauern weniger um die Mannschaft als um einen Kölner Spieler, den Wiener
Toni Polster, eines der seltenen Kickeroriginale in der Bundesliga mit ihren ewigen deutschen
Talenten und hastig an Land gezogenen Notausländern. Als Polster in der Rolle des abgetakelten
Spanienprofis an den Rhein kam, hielt man dies für einen verspäteten Karnevalsscherz. Und in
Wien rieb man sich die Augen ob der Verschwendungssucht der Piefkes aus dem Rheinland.
Doch Polster strafte alle Kritiker Lügen. Mit seiner Mischung aus Explosivität und Umständlichkeit
entpuppte er sich als vitales Rasenfossil, das mit seinem Wiener Schmäh den Kölner
Liga-Anachronismus zu adeln verstand. Vermutlich wird er nirgends so oft treffen wie für Köln.
Von Hubert Grundner (SZ)
Doch jetzt ist Schluß mit lustig, die Leidensfähigkeit des FCB-Anhangs ist
erschöpft. Das Unentschieden in Bochum, die Niederlagen gegen Schalke und
Köln empfanden selbst Wohlgesonnene als Beleidigung. Kurz schöpften sie
Hoffnung, als Franz Beckenbauer seine Angestellten als balltretende
"Penner" abmeierte und Trainer Giovanni Trapattoni verbal eine furiose
Tarantella mit den Herren Basler, Scholl und Strunz tanzte.
Doch von tänzerischer Leichtigkeit, Spielwitz und südländischer Leidenschaft,
von dem vielbeschworenen Ruck also, der durch das Team gehen müsse, war in
der Folge nichts zu spüren. Beim Champions-League-Rückspiel gegen Borussia
Dortmund bewiesen die Millionäre von der Säbenerstraße dann, daß sie auch
anders können, nämlich noch schlechter. Ein Fehlpaß jagte den anderen, das
Arbeitsgerät wurde ziel- und planlos weggebolzt, Torraumszenen (?)
entsprangen dem puren Zufall. Womit im übrigen ohne Abstriche auch das
Spiel der Borussia beschrieben ist. Nur hatten die bekanntermaßen Chapuisat
und das Glück auf ihrer Seite - die Bayern flogen mit 0:1 Toren aus dem
Wettbewerb.
Schreckliche Szenen spielten sich also am vergangenen Mittwoch abend auf
dem Rasen des Westfalenstadions ab, weitaus schrecklichere jedoch in
Etzels Wirtshaus. Die Gemeinde verweigerte dem Deutschen Rekordmeister
die Gefolgschaft, fügte sich nicht länger bußfertig in das am Bildschirm
Zugemutete. "Bravo!"-Rufe ertönten kurz nach Anpfiff des Spiels dennoch
immer dann, wenn sich die Verteidiger nicht mehr zu helfen wußten und den
Ball ins Aus beförderten, wenn Scholl sich auf dem Weg zum gegnerischen
Tor wieder einmal verirrte, wenn Zickler zum soundsovielten Male im Abseits
stand. Und hätte Strunz, der sich fast die gesamten ersten 90 Minuten unter
den Augen der Dortmunder warmlaufen mußte, all die Witze und höhnischen
Kommentare gehört, die in der Kneipe die Runde machten: seine blondierten
Haare wären möglicherweise ergraut.
Schlimmer geht's nimmer, hat sich da Alex Buchwald alias "Etzel" gedacht. Wie
kann denn seine Kneipe weiterhin als ideologisches Profitcenter in Diensten
des Vereins funktionieren, wenn dieser quasi die Geschäftsgrundlage -
einseitig - aufkündigt, indem dessen Personal die Leistung verweigert?
Also verfaßte der Wirt ein Schreiben an die Direktion des FC Bayern
München folgenden Inhalts: "Sehr geehrte Damen und Herren, da ich dank
Ihrer Millionen-Truppe in nächster Zeit empfindliche Einbußen erleiden muß,
bitte ich Sie um eine angemessene Entschädigung. Ich wäre mit 20 000 Mark
zufrieden oder würde mich auch freuen, wenn zum Saisonende zwei Flasche
leere in meinem Lokal eine Autogrammstunde halten würden.
Ich habe fertig,
Etzel und Fans
P.S.: Für Herrn Basler halten wir auch Diät-Bier bereit."
Seinen freundlichen Brief, den Dutzende Unterschriften zieren, schickte er
am Wochenende ab. Ob und welche Reaktionen der pfiffige Kneipier erzielt -
wir werden am Ball bleiben.
"Es gibt im Moment in diese Senat, oh, einige Senatoren vergessen ihnen
Profi was sie sind. Ich lese nicht sehr viele Zeitungen, aber ich habe
gehört viele Situationen! Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen,
was ich hab' gesagt? Danke.
Ich habe erklärt mit diese Senatoren! Nach Abstimmung über Bezirke brauchen
vielleicht Pause. Ich habe auch andere Regierung gesehen in Europa. Ich
habe gesehen auch zwei Tage die Senatssitzung. Ein Bürgermeister ist nicht
ein Idiot! Ein Bürgermeister sehen was passieren in Sitzung. In diese
Sitzung es waren zwei, drei oder vier Senatoren, die waren schwach wie
eine Flasche leer! Haben Sie gesehen Dienstag, welche Senat hat regiert
Dienstag? Hat regiert Klemann, oder regiert Pieroth, oder regiert
Trapattoni? Diese Senatoren beklagen mehr als regieren!
Wissen Sie, warum die anderen Länder, der Bund nehmen nicht diese
Politiker? Weil wir haben gesehen viele Male solche Sitzung. Haben gesagt,
sind nicht Politiker für Spitzenämter.
Strieder! Strieder ist zwei Jahre hier, hat regiert zehn Sitzungen, ist
immer verletzt. Was erlauben Strieder? Muß respektieren die andere Kollegen!
Haben viele nette Kollegen, stellen sie die Kollegen in Frage! Haben
keine Mut an Worten aber ich weiß, was denken über diese Politiker!
Mussen zeigen jetzt, diese Senatoren mussen zeigen mich eh, seine Wähler,
mussen alleine die Regierung machen.
Ich bin müde jetzt Vater diese Senatoren, eh, verteidigt immer diese
Senatoren! Ich habe immer die Schulde über diese Senatoren. Einer ist
Klemann, einer, ein anderer ist Pieroth! Strieder dagegen, egal, hat nur
regiert 25 Prozent diese Sitzung!
Ich habe fertig!"
Das Diktat der "ran"-gehenden Medien scheint alle zu erfassen: Trainer, Spieler, Schiedsrichter. Ihre
Rollen haben neue Inhalte bekommen. So hat sich der Trainer vom ersten Arbeitstag an auf einen Kampf
um seinen Arbeitsplatz einzustellen. Wenn er kein guter Öffentlichkeitsarbeiter mehr ist oder der Erfolg
ausbleibt, wird an seinem Stuhl gesägt. "Ist der Mann denn noch zu halten?" Mit dieser Frage aus dem
Mund des TV-Reporters beginnt scheinbar der Wandel vom leitenden zum leidenden Angestellten. Am
Ende steht - der Rauswurf."Wir mußten handeln. Der Druck war zu groß", heißt es dann. Und Rücksicht auf
Verluste gibt es nicht mehr, wenn der"Druck zu groß ist".
Oder sprechen Zahlen dagegen? "Es gibt Statistiken, die belegen, daß ein Trainer früher genauso schnell
und oft entlassen wurde", sagt Wolfgang Niersbach, Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes.
"Das stimmt. Aber die Gründe haben sich verändert. Es passiert heute schon eher bei Nichtigkeiten. Der
öffentliche Druck auf die Vereine ist wesentlich gestiegen", entgegnet ZDF-Reporter Bela Rethy, Leiter
des "Aktuellen Sportstudios". Der Druck ist da, aber woher kommt er? Sat-l-Programmdirektor Reinhold
Beckmann glaubt nicht an einen gewachsenen Einfluß des Fernsehens: "Der Druck wird in erster Linie
von der lokalen Presse erzeugt. Sie ist täglich vor Ort und hat einen ganz anderen Einblick als das
Fernsehen." Die Frage nach dem Trainer werde heute direkter gestellt, "aber wenn man den Vergleich
mit der ARD aus den 80er Jahren heranzieht, wird man feststellen, daß das Thema früher genauso
behandelt wurde", sagt Beckmann.
Also alles wie gehabt? Auch beim spielenden Personal werden Veränderungen registriert. Zum Beispiel,
daß der Star längst nicht mehr die Mannschaft sei. Als einer der letzten der Branche hält Bundestrainer
Berti Vogts an dieser Weisheit fest. Er hat gut reden. Seine Mannschaft besteht nur aus Stars, was den
Blick auf die Elf als Ganzes erleichtert. Doch in den Bundesliga-Klubs wird von Beobachtern ein wachsender
Graben zwischen Leitfigur und unfreiwilligen Mitläufern festgestellt, die oft gar nicht schlechter sind, nur
eben - aus welchen Gründen auch immer - Statisten. Von heute auf morgen könne das Fernsehen aus
einem Hinterbänkler einen Nationalspieler machen. Indem er für den Erfolg der Mannschaft verantwortlich
gemacht werde oder besonders häufig das Mikrofon unter die Nase gehalten bekomme. „Jeder normale
Klopper kann plötzlich ein Star sein, nur weil er einen guten Spruch raushaut oder sonstige Dinge
aufzuweisen hat in seiner Vita. Das Mittelmaß wird dadurch gefördert", sagt Bela Rethy..
Mehr soziale Verträglichkeit, mehr Respekt fordern die Schiedsrichter, unter ihnen Manfred Amerell,
Mitglied der DFB-Schiedsrichterkommission: "Uns stört nicht, daß das Fernsehen unsere Fehler aufdeckt,
sondern die Unverschämtheit einiger Reporter, die Zerrbilder wiedergeben und suggerieren, nur sie
hätten recht. Dabei unterliegen auch sie optischen Täuschungen". Frei nach dem Motto: Das Fernsehen
ist an allem schuld. An Trainerentlassungen, übermäßiger Personalisierung, eingeschüchterten
Schiedsrichtern und einem insgesamt rauher werdenden Umgang. Für Reinhold Beckmann steckt
dahinter Methode: "Es ist ein Stehsatz par excellance, den Medien alles in die Schuhe zu schieben. Da holt
man den Fußball als Restprodukt der heiligen Arbeiterklasse raus und produziert den großen Mythos.".
Richtig ist: Das Fernsehen erzeugt Stimmungen, manchmal vermittelt es sie aber auch nur. Oder trägt
Erwartungen Rechnung. Vielleicht muß die Frage nach dem Trainer nach drei verkorksten Spielen ja zum
Repertoire eines ernstzunehmenden Reporters gehören. Möglicherweise nimmt der Zuschauer gar nicht
mehr die Mannschaft als Ganzes wahr, sondern nur noch Stars, Helden und Bösewichte. Der Beweis, daß
es früher anders war, steht aus.
Die privaten Anbietet leugnen nicht, daß das Fernsehen den Fußball verändert hat. „Dem Fußball sind
wieder Jugendliche zugeführt worden, die sonst auf Fun-Sportarten standen, und die soziale Bedeutung
des Fußballs ist wesentlich gestiegen", kann Beckmann sich und seinen Kollegen zugute halten. Das liegt
sicher zum Teil an der neuen Aufbereitung. Der Fußballabend als Gesamtkunstwerk, in dem geschickt
geschnittene Bilder, Popklänge und volkstümliche Metaphern von Werner Hansch miteinander
verschmelzen. Die neue Darstellung bedeutet aber auch, daß Fußball mehr als Show zelebriert denn als
Sport betrachtet wird. Auch um der Quote willen feiert mancher Reporter einen müden Kick als großen
Kracher. Seine Kompetenz belegt er, indem er mit schönen Zahlen jongliert, das Spiel als statistisch
erfaßbare Wissenschaft behandelt. Angereichert mit den Zutaten Kurioses, Emotionales und Affären
entsteht so das Unterhaltungsprodukt.
Aber es ist auch der Übergang in die Freizeitgesellschaft, der die Maßstäbe verschiebt. Fußball im
Mittelpunkt. Auch die Fußball-Woche hat mittlerweile, den Europacup eingerechnet, sieben Tage. Mehr
Übertragungen bringen mehr Geld in die Kassen der Vereine. Hier besteht ein direkter Zusammenhang.
Erst das Fernsehen hat den Fußball so kapitalstark gemacht und damit den Wettlauf um Gelder
beschleunigt.
Es trifft vielleicht die Wahrheit in der Mitte zwischen intellektueller Medienschelte und kommerzieller
Beschwichtigung, wenn Dieter Gruschwitz, stellvertretender ZDF-Sportchef, sagt: „Der Fußball als solcher
hat sich nicht verändert. Aber es haben sich einige Menschen verändert. Die Spieler, Trainer und
Funktionäre sind im Umgang mit den Medien professioneller geworden. Das kann man positiv und
negativ sehen." Die negative Seite äußert sich so: Standardantworten in Interviews, Distanz, Verlust
der Natürlichkeit. Es sind die leisen Töne, das menschliche Gesicht des Fußballs, das vom
Fernsehen - gewollt oder ungewollt - ausgeblendet wird. Manchmal ist es noch zu sehen, wenn zum
Beispiel ein Huub Stevens, Trainer von Schalke 04, sagt: "Ich lasse mir erst einmal eine Geburtstagsliste
geben, wenn ich neu im Verein bin. So kann ich Spielern und ihren Familien eine kleine Freude machen."
Oder zu seinen sportlichen Zielen: "Lassen Sie uns gesund bleiben. Das ist schon eine ganze
Menge." Erzählt hat er das im "Aktuellen Sportstudio", also im ZDF. Er hätte es sicher auch in"ran"
getan - wenn man ihn danach gefragt hätte.
Last updated Tue Jul 7