Tagungsdokumentation zur Tagung
vom 29./30. April 2002: Elternentfremdung und Kontaktabbruch nach
Trennung und Scheidung -
Wirkungsweisen, Rechtsproblematik, Hilfskonzepte
Hrsg. Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren
e.V., Köln Juni 2003 - www.kinderschutz-zentrum.org
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Wahrnehmungsveränderung
bei Kindern. Überarbeitete Fassung des
Vortrags vom 16.4.2002 |
Sehr geehrte Damen und Herren!
Gerne bin ich bereit, der von meiner Vorrednerin, Frau Kodjoe [siehe Kodjoe, Ein Überblick zur aktuellen Forschungslage bei Elternentfremdung - kinderschutz-zentrum.org/ksz_a-material-mainz_2002.html oder vafk-wiesbaden.de/informationen_varia/Kodjoe2002.htm], ausgesprochenen Aufforderung zur Kooperation - und zwar nicht nur der Kooperation zwischen den an einem konkreten Fall engagierten Experten, sondern auch der Kooperation unterschiedlicher theoretischer Sichtweisen - zu folgen. Als wissenschaftlich denkender Mensch meine ich jedoch, dass bei aller Kooperationsbereitschaft die Kontroverse nicht fehlen darf, wenn es darum geht, theoretische Klarheit zu gewinnen. Und gerade im Hinblick auf das Thema dieser Tagung scheint es mir wichtig zu sein, grundsätzliche theoretische Differenzen nicht aus dem Auge zu verlieren. Denn von der ursprünglichen Konzeption des „Parental Alienation Syndroms" (PAS) [Übersicht] zur distanzierten systemischen Sichtweise, wie wir sie eben von Frau Kodjoe hören durften, führt kein einfacher, linearer Entwicklungsweg. Was sie uns - viel zu bescheiden - als Erweiterung des PAS-Konzeptes präsentierte, beinhaltet - freilich unausgesprochen - eine radikale Kritik an den Grundannahmen des PAS-Konzepts. Ich möchte daher dem eigentlichen Thema meines Vertrages ein paar Bemerkungen zum PAS-Konzept (das ich in seiner ursprünglichen Fassung für theoretisch und wissenschaftstheoretisch unhaltbar und in den aus ihm gezogenen praktischen Konsequenzen pädagogisch wie ethisch in hohem Maße bedenklich bis gefährlich betrachte) vorausschicken.
1. Kritische Anmerkungen zum Konzept des „Parental Alienation Syndrom" (PAS)
Was mich mit Gardner [1] und seinen Mitarbeitern bzw. Anhängern verbindet ist die Einsicht, dass nach einer Trennung der Eltern eine gesunde psychische Entwicklung der Kinder voraussetzt, dass diese auch weiterhin zu beiden Elternteilen eine intensive Beziehung unterhalten können. (Für das, was man unter „psychischer Gesundheit" verstehen kann, gibt es m. E. nach wie vor keine bessere als Sigmund Freuds Formulierung, wonach das Ziel der Psychoanalyse die Herstellung bzw. Wiederherstellung eines hinreichenden Maßes an Arbeits-, Liebes- und Glücksfähigkeit sei.) Bedenkt man dazu, dass in der einschlägigen Literatur die aufgrund einer PAS-Diagnose getroffenen Maßnahmen als höchst erfolgreich dargestellt werden,[2] stellt sich die Frage, warum dieses Konzept theoretisch unhaltbar oder in der Praxis gar gefährlich sein soll?
Der problematische Behaviorismus des PAS-Konzepts
Das eine Hauptproblem des PAS-Konzepts besteht darin, dass die „Entfremdung" zwischen dem Kind und dem Elternteil, mit dem es nicht mehr zusammenlebt - ich werde diesen Elternteil, den statistischen Verhältnissen folgend, in meinem Vortrag der sprachlichen Einfachheit halber als „Vater" bezeichnen - lediglich an der äußerlichen Kontaktbereitschaft des Kindes festgemacht wird. Unter dieser behavioristischen Prämisse erschiene z.B. ein Kind, das vor seinem Vater große Angst hat, sich der Besuchsregelung dennoch (oder gerade deshalb) unterwirft, als unauffällig, während etwa ein anderes Kind, das die Besuche aus Trotz, Wut oder vielleicht falschen Wiedervereinigungshoffnungen verweigert obwohl es seinen Vater nach wie vor liebt, als „entfremdet" eingestuft würde.
Diese Vernachlässigung innerpsychischer Variablen - auf die ich im Hauptteil meines Referates zu sprechen komme - macht uns aber auch gegenüber den „Erfolgen" der aufgrund einer PAS-Diagnose ergriffenen Maßnahmen skeptisch: Wenn es tatsächlich gelingt, die äußere Beziehung des Kindes zu seinem Vater wieder herzustellen - indem die Besucherkontakte mit Hilfe gerichtlicher Sanktionen durchgesetzt oder sogar erweitert werden, oder es gar zu einem Wechsel des Sorgerechts kommt - stellt sich doch die Frage, aufgrund welcher psychischen Vorgänge beim Kind diese „Normalisierung" der Beziehung zum Vater stattfand? Wir alle kennen die Erkenntnisse der Hospitalismusforschung: Wird ein Kind aus seinem primären Beziehungsraum herausgenommen und in einen anderen Beziehungsraum gestellt, wendet es sich irgendwann den neuen, verfügbaren Objekten zu: Heimerziehern/innen, Krankenschwestern im Kinderspital, Pflegeeltern usw. Aber wir wissen auch, dass diese Zuwendung mit einem zumeist traumatischen Trennungserlebnis, mit einem Verlust oder zumindest schweren Beeinträchtigung der inneren Beziehungsqualität zu den primären Objekten erkauft ist.
So gesehen überrascht es nicht, dass ein Kind, das seinen Vater nicht mehr sehen wollte, allmählich wieder eine Beziehung zu ihm aufnimmt, wenn es mit ihm zusammenleben muss. Aber welche Art von Beziehung ist das? Können wir sicher sein, dass es auch tatsächlich zu einer Versöhnung mit dem Vater gekommen ist; dass das Kind seinen Vater als (primäres) Liebesobjekt wiedergewonnen hat? Es geht uns doch darum, dem Kind seinen Vater zurückzugeben und nicht darum, bloß (irgendeine) Beziehung zwischen dem Kind und der Person, die nur objektiv sein Vater ist, herzustellen. Und was geschieht in diesem Zusammenhang mit der inneren Beziehung zur Mutter? Was ist, wenn sich das Kind von seiner Mutter ungeschützt, nicht hinreichend geliebt, weggegeben erlebt? Wenn wir Pech haben, haben wir aus einem Scheidungskind mit (nicht ungewöhnlichen) Beziehungsproblemen zu seinem Vater ein (psychologisches) Waisenkind gemacht, obwohl es, von außen gesehen, über beide Elternteile verfügt, also alles in Ordnung scheint.
Das vielleicht größte Problem all jener, die im Zusammenhang mit familiären Konflikten um das seelische Wohl und die seelische Entwicklung der Kinder kämpfen, ist das häufige und stets wiederkehrende Gefühl der Machtlosigkeit. Da ist die, freilich simplifizierende, Einfachheit des PAS-Konzepts eine große Verführung, bietet es uns doch (endlich!) klare diagnostische Kriterien und eine begrenzte Anzahl hierarchisch geordneter Interventionen an und verspricht kalkulierbaren Erfolg.
Ein zweiter Grund für die Attraktivität dieses Konzeptes scheint mir in der Bewertung des „Entfremdungs"-Phänomens als Krankheit zu liegen. Wenn die Weigerung eines Kindes, seinen Vater zu sehen, obwohl dieser seinem Kind keinen „realen" Grund - etwa Gewalt - geliefert hat, als Krankheit betrachtet wird, klären sich die Fronten: Jede Krankheit hat eine Ursache; im vorliegenden Fall ist die Ursache ein Elternteil, der das Kind (wissentlich oder unwissentlich) „entfremdet", zumeist also die Mutter, bei der das Kind lebt; mithin ist die Mutter Täter und das Kind (und auch der Vater) Opfer. Der psychiatrische Ansatz, d.h. die Klassifikation des Phänomens als Pathologie, führt also auf direktem Weg zu eindeutigen moralischen Verhältnissen. Ein Kranker muss geheilt werden, und der krankmachende Faktor muss bekämpft werden. Und, besonders wichtig: Im Hinblick auf die heilenden Maßnahmen hat nicht der Patient, sondern der „Arzt" zu entscheiden. Innerhalb dieses medizinischen Modells sind wir mit einem Male aller Widersprüchlichkeiten und Konflikte entledigt. Wir wissen, wo gut und böse ist, und selbst wenn sich unsere Handlungen gegen das Kind und seine Mutter richten, bleibt unser Gewissen rein, weil wir wissen, was gut und richtig ist: welch (wiedergewonnene) Mächtigkeit! (Von der Möglichkeit, in diesem Modell eigene Gegenübertragungsgefühle auszuagieren, einmal ganz abgesehen.)
Leider verdankt sich diese Mächtigkeit einer Fiktion. Davon, dass das Etikett „Entfremdung" in Wirklichkeit eine Vielzahl unterschiedlichster Beziehungskonstellationen verdeckt, war bereits oben die Rede. Dass es, zweitens, bei Beziehungskonflikten nicht schlicht einen Schuldigen gibt, versteht sich für jeden psychologisch denkenden Menschen wohl von selbst. Drittens negiert das Konzept das Kind in seiner Subjekthaftigkeit, indem es lediglich unter dem Aspekt des Opfers, also als Objekt gesehen wird. Und damit bin ich beim eigentlichen Thema meines Vertrags angelangt.
2. Subjektive Gründe von Kindern, den Kontakt zum abwesenden Elternteil zu verweigern
Ich selbst habe wiederholt darauf hingewiesen [3], dass die Weigerung von Kindern, ihre Väter zu sehen, in den meisten Fällen auf unerträglichen Loyalitätskonflikten beruht, die das Kind innerlich gewissermaßen zerreißen und mit der Zeit so unerträglich werden, dass sie um der Wiedergewinnung ihrer innerer Ruhe willen den Elternteil, der - aus welchen Gründen auch immer - im Moment etwas weniger wichtig ist, opfern. Darauf hinzuweisen, dass es sich um das Opfer einer geliebten Person handelt, schien mir deshalb so wichtig, weil es nach meiner Erfahrung immer wieder vorkommt, dass sich Berater mit der (häufigen) Interpretation der betroffenen Mütter identifizieren, wonach die Besuchsverweigerung durch das Kind darauf hindeute, dass es ihm beim Vater nicht gut ginge oder es den Vater schlicht nicht mag. Und weil ich davor warnen wollte, die dann naheliegende Konsequenz zu ziehen, nämlich dem scheinbaren Willen der Kinder zu folgen und die Kontakte zum Vater „vorübergehend" auszusetzen. Denn die Unterstützung der eigenen Verweigerung durch die Mutter erlebt das Kind wahrscheinlich als Bestätigung seiner Vorstellung, dass die Mutter gerade das von ihm erwartet; und die Delegation der Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Beziehung zum Vater an das Kind („Willst du ihn nicht doch sehen ...?") wird dann vom Heranwachsenden u.U. als „Gretchenfrage" aufgefasst, wie er es denn mit der Treue (zur Mutter) hält: „An deiner Antwort werde ich sehen, ob du zu mir hältst, ob du mich wirklich liebst", was gleichbedeutend mit der Drohung ist: „Daran werde ich erkennen, ob du meine mütterliche Liebe verdienst". Die erhoffte „Beruhigung" des Kindes nach solchen Kontaktunterberechungen stellt sich dann tatsächlich auch meist ein, was nicht verwundert, fällt doch der Anlass für den unerträglichen Loyalitätskonflikt weg. Die andere Hoffnung freilich, das Kind würde seine Einstellung zum Vater positiv verändern, erfüllt sich kaum jemals. Denn entweder hat sich an der ursprünglichen Angst, die (Liebe der) Mutter zu verlieren, nichts geändert, oder aber die dem Vater geltende Liebe und Sehnsucht ist inzwischen der Verdrängung anheim gefallen und durch „Spaltprodukte" wie: „Mein Vater ist mir gleichgültig" oder „Mein Vater ist schlecht" ersetzt worden, die der Abwehr des eigenen Trennungsschmerzes und/oder der Identifizierung mit der Mutter entstammen.
Nach wie vor bin ich überzeugt, dass Loyalitätskonflikte bei der Kontaktverweigerung durch Kinder eine bedeutende Rolle spielen, nicht mehr glaube ich allerdings, dass mit dem Hinweis auf Loyalitätskonflikte das Phänomen der Konfliktverweigerung hinreichend erklärt ist.
Wir mögen vielleicht annehmen, dass die Verweigerung das Ergebnis eines besonders ausgeprägten Loyalitätskonfliktes ist. Diese These deckt sich aber nicht mit meiner Erfahrung. Ich habe Kontakt verweigernde Kinder kennen gelernt, deren Loyalitätskonflikte - soweit unser diagnostisches Instrumentarium solche Quantifizierungen erlaubt - sich im ganz normalen Rahmen aller von Scheidung oder Trennung betroffenen Kinder bewegten. Umgekehrt habe ich Kinder betreut, die sich wirklich zwischen ihren Eltern zerrissen fühlten, nach wie vor jedoch beide Eltern liebten und ihren Konflikt anders als durch Kontaktverweigerung bzw. Spaltung lösten: etwa durch die Entwicklung neurotischer Symptome. Kommt es also vielleicht doch darauf an, wie sehr der betreuende Elternteil, also (zumeist) die Mutter, gegen die Beziehung des Kindes zum Vater intrigiert - wie es die Vertreter des PAS-Konzepts behaupten? Aber auch diese Annahme wird durch die klinische Erfahrung nicht verifiziert: Ich bin sicher, viele von Ihnen sind, wie ich, bereits Fällen begegnet, in welchen Mütter, die bewusst oder unbewusst, offen oder subtil die Beziehung des Kindes zum Vater zu hintertreiben versuchten, an der Liebe der Kinder zum Vater scheiterten. Und dabei handelt es sich gar nicht unbedingt um Väter, die sich besonders engagiert und liebevoll um ihre Kinder kümmern.
Es muss da also noch etwas anderes geben, subjektive Variablen, die zum (normalen, mehr oder weniger ausgeprägten) Loyalitätskonflikt hinzukommen und dazu führen, dass das Kind sich gegenüber einem Menschen, den es liebte, mit einem Male radikal ablehnend verhält.
Ich habe mich in den letzten Jahren verstärkt mit dieser Frage beschäftigt und möchte Ihnen heute fünf voneinander differenzierbare Erlebniskonstellationen vorstellen, welche die auf den ersten Blick so befremdliche Verhaltensveränderung der Kinder gegenüber ihren Vätern plausibel erscheinen lassen. Diese Liste ist bestimmt nicht vollständig, wahrscheinlich jedoch für viele Fälle repräsentativ. (Vielleicht erzähle ich Ihnen damit auch gar nichts Neues: Ich könnte mir denken, dass Ihnen die eine oder andere Variante, wie Kinder ihre Väter bzw. die Beziehung zu ihnen wahrnehmen, aus eigenen Fällen ganz vertraut ist.)
Auf die erste dieser Varianten hat uns heute bereits Frau Kodjoe aufmerksam gemacht: Zum Papa gehen heißt, sich von der Mutter trennen zu müssen. In diesen Fällen - es handelt ich hierbei um kleine Kinder vor Erreichung des 4. Lebensjahres - ist die Kontaktablehnung also keine Eigenschaft der väterlichen Objektbeziehung, sondern eine Folge der noch nicht hinreichend entwickelten allgemeinen Objektbeziehungsstruktur. Psychodynamisch lassen sich in diesem Zusammenhang zwei Untervarianten unterscheiden: Haben die Kinder das Stadium der sogenannten emotionellen Objektkonstanz noch nicht erreicht, fehlt ihnen die Sicherheit, dass die Person, die sie jetzt verlassen, ihnen auch erhalten bleibt, weshalb jede Trennung mit großen Verlustängsten verbunden ist. (Natürlich haben solche Kinder dieselben Verlustängste, wenn sie sich nach einem stattgefunden Besuchskontakt vom Vater trennen müssen - bei kleinen Kindern einer der Hauptgründe, warum sie nach Besuchstagen ganz durcheinander sind oder gar regelmäßig krank werden.) Die andere Untergruppe sind jene Kinder, die ihre Objektbeziehungen noch nicht hinreichend trianguliert haben. Unter „Triangulierung" verstehen wir in der Psychoanalyse die Fähigkeit eines Subjekts, zu mehr als einer Person gleichzeitig eine affektive Beziehung zu unterhalten. [4] Diese Kinder ziehen, wenn sie von einer Person mehr oder weniger lange getrennt sind, die affektive Besetzung von der Beziehung zu ihr ab. Das heißt, dass diese Person dem Kind bei jeder Wiederbegegnung gewissermaßen als Fremder erscheint, auch wenn sie sie - kognitiv - wiedererkennen. (Übrigens kennen wir ähnliche Phänomene auch aus unseren eigenen, erwachsenen Beziehungen bzw. Liebesbeziehungen.)
Auch der zweite Grund für Kontaktverweigerung durch Kinder, von dem ich Ihnen berichten möchte, liegt nicht in der Beziehung zum Vater und nicht einmal in der Beziehung zur Mutter. Hier ist die Kontaktverweigerung die Folge der Unfähigkeit des Kindes, die neue Lebenssituation zu akzeptieren bzw. seines Wunsches nach Wiedervereinigung. Es handelt sich um die Phantasie vieler Kinder: „Wenn ich nicht zum Papa gehe, wird er zurückkommen." Wir haben es also mit einer Art agierten Versteckspiels zu tun, und zwar nicht des Versteckspiels größerer Kinder, bei dem es darum geht, nicht gefunden zu werden, sondern jenes der kleinen Kinder, die ihre Lust daraus beziehen, gefunden zu werden. Die Entwicklung einer solchen (natürlich leider unrealistischen) Phantasie wird noch durch den Umstand begünstigt, dass sich Kinder sehr lange, bis in die Vorpubertät hinein, die Trennung der Eltern, trotz aller gegenteiliger Versicherungen, damit erklären, dass der Vater sich von ihnen getrennt hat. [5]
Diese Vorstellung spielt auch bei der dritten
Gruppe der Kinder, die ihre Väter nicht sehen wollen, eine zentrale
Rolle. Handelte es sich bei den eben beschriebenen Kindern um eine Art
hoffnungsvoller Erpressung („Wenn du mich haben willst, musst du zurückkommen;
und wenn du mich liebst, wirst du zurückkommen!"), mischen sich
hier, vor allem bei Kindern ab fünf, sechs Jahren, in das Gefühl,
verlassen worden zu sein, Versagens- und Schuldgefühle. Und Menschen,
denen gegenüber wir Schuldgefühle haben, meiden auch wir gerne.
Ein Großteil der Kinder fühlt sich
- aus unterschiedlichsten Gründen - an der Trennung ihrer Eltern schuldig. [6]
Und damit verbindet sich natürlich die Vorstellung, dass ihm diese
Schuld vorgeworfen wird. Erlebt das Kind primär den Vater als Opfer
der Trennung, scheut das Kind die Begegnung mit ihm. Im Extremfall, weil
es von ihm Vergeltung befürchtet, fast immer, weil es glaubt, von
ihm nicht mehr (wie früher) geliebt zu werden oder einfach „nur"
deshalb, weil es ein schlechtes Gewissen hat.
Das vierte Motiv, auf das ich Sie aufmerksam machen möchte, klingt vielleicht auf den ersten Blick zu banal, zu schwach, als dass es imstande sein könnte, zum Beziehungsabbruch zu führen: Den Kindern gefallen die Besuchstage bzw. -Wochenenden nicht, sie haben einfach nicht genug Spaß daran, sie würden an diesen Tagen lieber etwas anderes machen - am begonnenen Puzzle weiterarbeiten, Computerspielen, Fernsehen, Freunde treffen oder auch (etwas Vertrautes) mit der Mutter unternehmen. [7]
Dass Kinder das Zusammensein mit ihren Vätern nicht genießen, obwohl sie sie lieben, kommt sehr häufig vor und hängt zumeist mit den psychischen Problemen, vor allem den Ängsten der geschiedenen Väter zusammen:
Natürlich gibt es noch eine Reihe weiterer Gründe bzw. Möglichkeiten, Kindern das Zusammensein mit ihren Vätern zu versalzen. All das ist Ihnen wohl auch nicht unbekannt, aber Sie werden vielleicht einwenden, dass zwischen Keine-Lust-Haben und Kontaktverweigerung doch ein großer Unterschied besteht. Schließlich leiden sehr viele Kinder mehr oder weniger unter der einen oder anderen Beeinträchtigung der Besuchszeiten, ohne dass sie den Kontakt deshalb verweigern würden!
Dieser Einwand ist richtig und wichtig. Damit aus der Unzufriedenheit des Kindes mit dem Vater bzw. der Zeit, die es mit ihm verbringt, eine Beziehungsgefährdung bzw. -abbruch wird, muss ein entscheidender zusätzlicher Faktor ins Spiel kommen: Ein Elternteil, vorzugsweise die Mutter, verwechselt die Unzufriedenheit des Kindes mit einer Weigerung, sie interpretiert den Versuch des Kindes, sich um etwas zu drücken, was ihm nicht behagt, als Wunsch, den Vater nicht mehr sehen zu wollen, und bewertet die Beschwerden des Kindes als verzweifelte Hilferufe, denen sofort gefolgt werden muss. Tagtäglich muten wir (leider zumeist unvermeidlicherweise) unseren Kindern Dinge zu, die sie gerne anders hätten oder gegen die sie protestieren. „Nein!", „Ich will nicht!" etc. gehört zum meistgebrauchten Vokabular von Kindern, immer wieder auch von trotzigen oder wütenden Tränen begleitet. Natürlich werden wir uns um die Gefühle, Bedürfnisse oder Enttäuschungen des Kindes kümmern, aber es wird uns nicht einfallen, ihm plötzlich freizustellen, wann es in die Schule gehen möchte, und wir werden auch uns wichtig erscheinende Grenzen, gegen die das Kind protestiert, nicht einfach umstoßen. Und zwar deshalb nicht, weil wir die Unlust oder den Widerstand des Kindes verstehen, aber gleichzeitig davon überzeugt sind, dass ihm das, was es gegen seinen Willen tun muss oder die Nichterfüllung eines Bedürfnisses nicht schaden wird. Wehe aber, das Kind beschwert sich über die Besuchstage, findet, dass sich der Papa zu wenig kümmert, dass die Maria (neue Freundin des Vaters) blöd ist, andere Kinder es nicht mitspielen lassen usw.: Da beginnen bei vielen Müttern sofort die Alarmglocken zu läuten, begleitet von der Vorstellung des gequälten, unterdrückten, durch seinen Vater leidenden Kindes.
Eines Mittwochs läutet das Telefon.
Am Apparat ist Frau B. Seit ein paar Wochen stehe ich ihr, ihren beiden
Töchtern Doris und Angelika (10 und 12 Jahre alt) und, nach einer
jüngst erfolgten Kontaktaufnahme, auch dem Vater und seiner jetzigen
Lebensgefährtin als Berater zur Verfügung. Frau B. berichtet,
dass ihr Doris unter Tränen mitgeteilt hätte, am kommenden Besuchswochenende
nicht zum Vater zu wollen. Sie, Frau B., schaffe es einfach nicht, ihre
Tochter zu zwingen, sie sei schließlich schon so groß, dass
man ihr einen eigenen Willen zugestehen müsse, sie habe sich als Mutter
lang genug engagiert, dass die Mädchen nach der Scheidung eine gute
Beziehung zum Vater aufbauen können, wenn dieser aber unfähig
sei, sich die Liebe seiner Töchter zu verdienen und ihnen ein guter
Vater zu sein, werde sie Doris sicher nicht zwingen ... Sie wollte sich
jedoch versichern, dass ich das auch so sähe und ihren Entschluss,
Doris diesmal bei ihr bleiben zu lassen, unterstütze. Ich bat sie
daraufhin, mit Doris persönlich sprechen zu dürfen, womit sowohl
die Mutter als auch das Mädchen einverstanden waren, und wir vereinbarten
für den übernächsten Tag einen Termin.
Doris kannte mich von unseren diagnostischen
Sitzungen her und hatte Vertrauen zu mir. Ich wusste auch bereits von ihren
Problemen mit der neuen Frau ihres Vaters. An diesem Freitag offenbarte
sie mir aber ihren ganzen Schmerz: wie der Vater bemüht war, die offenbar
rigiden häuslichen Regeln der Stiefmutter bei seinen Töchtern
durchzusetzen; dass es nur mehr darum ginge, ob sie sich gut benehmen,
sie aber überhaupt keine Chance sah, es den beiden recht zu machen,
selbst wenn sie sich bemühte, wie sie dauernd den Vorwurf und die
Enttäuschung des Vaters spüre ... Ich habe sie gefragt, ob sie
denn darüber nicht mit ihrem Vater reden könne? Nein, das habe
sie schon versucht, er würde ihr dann logisch beweisen, dass sie unrecht
habe und wäre zudem noch gekränkt und beleidigt. Da habe ich
sie gefragt, ob ich mit ihm reden solle, ob ich ihm klarmachen solle,
dass Doris ihn liebt und es ihm ja gerne recht machen würde, dass
es aber so schwer sei und sie durch seine Reaktion fürchtet, er würde
sie gar nicht mehr lieb haben. Und vielleicht gelänge es mir ja auch
- ohne es versprechen zu können -, dass er auf ein paar dieser Regeln
in Zukunft ein bisschen weniger Wert legt.
Doris Gesicht entspannte sich, das wäre
toll, wenn ich mit ihm redete. Ihrer Mutter möchte sie das nämlich
alles nicht erzählen, denn wenn die Mutter dann mit dem Vater spräche,
würde nur wieder ein Riesenkrach herauskommen, aber auf mich würde
der Vater vielleicht hören. Auf meine Frage sagte sie, sie wolle nun
am Wochenende doch zum Vater, sie habe ihn ja lieb und jetzt, wo sie weiß,
dass ich mit ihm reden werde, komme es ihr gar nicht mehr so schwierig
vor, an diesen beiden Tagen einigermaßen brav zu sein.
Natürlich war damit dieser Fall alles
andere als abgeschlossen. Sie können sich denken, dass mir schwierige
Gespräche mit dem Vater bevorstanden, zumal sein strenges pädagogisches
Regime voraussichtlich eng mit seiner neuen Frau, möglicherweise mit
seiner Angst um diese Beziehung und wohl auch mit latenten Konflikten mit
seiner Ex-Frau zusammenhing.
Aber es ging mir nicht um den Fall als Ganzes.
Er sollte lediglich illustrieren, dass sich Kontaktverweigerung und Liebe
zum Vater nicht ausschließen, und dass der Satz „Ich will nicht zum
Vater!" nicht das letzte Wort sein muss. Was ich Ihnen, die Sie alle
in der Praxis tätig sind, noch vermitteln wollte, ist, dass Kinder
in einer solchen Situation nicht jemanden brauchen, der sie vor dem Vater
schützt, sondern jemanden, der ihnen bei der Fortsetzung und Entwicklung
der Beziehung zum Vater hilft. Zwei Stunden später rief mich
Frau B. an und fragte, ob ich ihre Tochter hypnotisiert hätte: Doris
sei nicht wiederzuerkennen, so gut aufgelegt und gelöst sei sie nach
dem Gespräch gewesen. (Der Mutter würde ich auch noch einiges
erklären müssen...)
Wenn ich als Kind die Trennung der Eltern so erlebe, dass der Vater sich von mir getrennt hat, kann das, wie wir gesehen haben, dazu führen, dass sich das Kind „versteckt", um ihn zurückzugewinnen; es kann daraufhin Schuldgefühle gegenüber dem Vater und in weiterer Folge Angst vor ihm entwickeln; wieder andere unterwerfen sich dem Vater und versuchen, möglichst brav und unkompliziert zu sein, um seine Liebe zurückzugewinnen - von ihnen war hier nicht die Rede, weil sie im Hinblick auf das Symptom Kontaktverweigerung ganz unauffällig sind, obwohl sie an ganz ähnlichen Phantasien leiden wie die verweigernden Kinder.
Dann gibt es noch eine Gruppe von Kindern, Kinder, die nicht bereit sind, als Opfer passiv zu leiden oder ihr Leid zu verdrängen, Kinder, die das Verhalten des Vaters - sei es, dass er die Familie, etwa wegen einer anderen Frau, im Stich gelassen hat, sei es, dass er akzeptierte, dass die Mutter ihn wegschickte oder (mit dem Kind) wegging, er also (scheinbar) bereit war, auf sein Kind zu verzichten - nicht bereit sind zu akzeptieren; die es als Verrat erleben und daraufhin ähnlich reagieren, wie viele von uns reagieren würden, wenn wir uns unvermutet mit der Untreue und/oder fehlenden Loyalität des geliebten Partners konfrontiert sähen: „Verschwinde!", „Ich will von dir nichts mehr wissen!", „Jetzt habe ich dein wahres Gesicht kennen gelernt, das bezeichnest du als Liebe?! Darauf kann ich verzichten!" usw. Ist die Wut des verlassenen „Liebhabers" zu Beginn noch vorwiegend defensiv, ein Schutzpanzer, hinter dem sich der Schmerz der enttäuschten Liebe verbirgt, ändert sich das, wenn der „Verräter" nun seinerseits die Beziehung wieder sucht. Denn nun dreht sich das Verhältnis um: Der Verlassene wird zum Begehrten, wir bzw. das Kind fühlen uns plötzlich stark und mächtig, und was könnte einem in einer solchen Situation Besseres geschehen? Die so schwer enttäuschte Liebe sucht sich natürlich nun einen Ersatz, den sie vorzugsweise (in einer oftmals überaus erotisch gefärbten) Solidarität mit Menschen, denen es ähnlich ergangen ist, findet, z.B. solidarische Freunde/Freundinnen oder auch Selbsthilfegruppen. Dem Kind aber bietet sich der schlechthin ideale Partner an, ein Opfer desselben Verräters: die Mutter. Mutter und Kind beginnen, sich aneinander zu klammern, je mehr sie einander brauchen, desto unwichtiger werden bisherige Differenzen, Konflikte werden aus der Beziehung hinaus auf den gemeinsamen Feind, den Vater, projiziert, und es kommt zu einer verführerischen, quasi symbiotischen Nähe, die möglicherweise die Erfüllung ganz alter, tiefliegender, bereits überwundener oder abgewehrter Sehnsüchte verspricht.
Ich habe mir dieses Motiv, Kontaktverweigerung als Vergeltung, als Mittel zur Wiederaufrichtung des beschädigten Selbstwertgefühls und - in der solidarischen Beziehung mit der Mutter - als Mittel, sich die Liebe als Lebensgefühl zu erhalten (passiv als geliebt werden und aktiv als auch-weiterhin-lieben-Können), mit Absicht für den Schluss meines Vertrags aufgehoben. Denn es handelt sich m.E. nicht nur um ein sehr häufiges Motiv, das in den diagnostischen Überlegungen über die Gründe der Kontaktverweigerung durch Kinder vernachlässigt wird. Darüber hinaus glaube ich, dass diese Vernachlässigung drei gewichtige, gewissermaßen „strukturelle" Gründe hat. Erstens entzieht sich dieses Motiv einer herkömmlichen systemischen Betrachtungsweise, die sich ja auf das Hier und Jetzt konzentriert und mit den interaktionellen Beiträgen der Beziehungspartner arbeitet. Hier aber haben wir es mit (teilweise bewussten, teilweise unbewussten) Phantasien zu tun, mit deren Hilfe die Kinder, in gewisser Unabhängigkeit von den elterlichen Handlungen, versuchen, ein Stück schmerzlicher Geschichte zu verarbeiten.
Zweitens - und dieser Aspekt erscheint
mir persönlich noch wichtiger, weil er auch psychoanalytisch denkende
Experten betrifft - gefährdet die Anerkennung des Motivs der kindlichen
Vergeltung und Unversöhnlichkeit einen Teil unseres professionellen
Weltbildes: Ich selbst habe immer wieder darauf hingewiesen [8],
dass zwischen dem Recht von Männern und Frauen auf eine befriedigende
Partnerschaft - welches das Recht auf Auflösung einer unbefriedigenden
Partnerschaft beinhaltet - und dem Bedürfnis des Kindes nach Stabilität
und Kontinuität der Familie kein grundsätzlicher Konflikt bestünde.
Es käme nur auf das Wie der Scheidung an und hier wiederum vor allem
auf die Fähigkeit der Eltern, befriedigende, stabile und entwicklungsförderliche
Nach-Scheidungs-Beziehungen aufzubauen. Damit scheidet die Trennung bzw.
Scheidung selbst als traumatogener Faktor weitgehend aus. Als (regelmäßiger)
Auslöser von erlebnisreaktiven Irritationen ist sie zwar anzuerkennen,
aber es seien Irritationen, die zu bewältigen sind, wenn die Eltern
nun die entsprechende Unterstützung leisten.
Ich denke, diese theoretische Position ist
für viele Fälle nach wie vor gültig. Aber sie ist auch bequem.
Denn sie negiert die Möglichkeit eines grundsätzlichen Konfliktes
zwischen dem Recht auf Glück und Emanzipation der Eltern und den Entwicklungsbedürfnissen
der Kinder. Und sie schiebt die Verantwortung für das „Kindeswohl"
allein der Fähigkeit der Eltern, sich zivilisiert und erwachsen zu
trennen, zu. Auf diese Weise gelingt es uns, zwei Identitätsaspekte
scheinbar wiederspruchsfrei miteinander zu vereinbaren: „progressive"
Verfechter des Rechtes auf Trennung und für das pädagogische
Wohl des Kindes verantwortliche Fachleute zu sein. Im Gegensatz dazu haben
mich diese Kinder zweierlei gelehrt:
Erstens: Natürlich hat jede Frau, jeder Mann das „Recht", sich aus einer unglücklichen Beziehung zu befreien oder die Chance auf neues Lebensglück, z.B. in einer neuen Beziehung, wahrzunehmen. Zumal wenn sie/er die Absicht hat, weiterhin den elterlichen Pflichten nachzukommen; zumal wenn wir bedenken, dass eine nicht-funktionierende Elternbeziehung sich auf das Kind ebenfalls sehr ungünstig auswirken kann. [9] Aber kein Gewinn ohne Preis. Und der Preis der Trennung ist ein doppeltes Risiko: dass der Partner nicht mitspielt - das kennen wir zur Genüge -, aber außerdem, dass das Kind nicht mitspielt. Und daran sind die Mütter zwar oft (mit) schuld, keineswegs aber immer und ausschließlich. Der Widerstand kann auch vom Kind ausgehen, das dem Vater seine Schuld, die Trennung, nicht vergeben kann oder will.
Zweitens: Ist die Kontaktverweigerung primär durch das Strafbedürfnis bzw. die Unversöhnlichkeit des Kindes motiviert, zeitigen herkömmliche Interventionen - systemische Elternberatung, Scheidungskindergruppen, Kinderpsychotherapie oder gar Mediation - meist keinen Erfolg. Wenn es eine Chance auf Veränderung gibt, dann liegt sie in der Beantwortung der Frage: Was könnte bewirken oder dazu beitragen, dass das Kind bereit wird, dem in seinen Augen schuldig gewordenen Elternteil zu vergeben. Praktisch gesehen heißt das unter anderem, dass nicht primär mit der („entfremdenden") Mutter, sondern mit dem Vater gearbeitet werden müsste, dessen Stolz auf eine schwere Probe gestellt werden wird.
So bin ich etwa in einem Fall, den ich gerade bearbeite, zu der Überzeugung gelangt, dass der Vater bei seinem siebenjährigen Sohn voraussichtlich nur dann eine Chance auf einen Neubeginn der Beziehung hätte, würde er sich bei ihm und der Mutter für das Leid, das er ihnen mit der Trennung angetan hatte, entschuldigen und sie nach den Bedingungen fragen, wie er das wieder ein wenig gutmachen könnte. Ein Schritt, zu dem er sich aus narzisstischen Gründen und (berechtigten?) finanziellen Ängsten (vor den eventuellen Wiedergutmachungsforderungen seiner geschiedenen Frau) zur Zeit außerstande sieht ...
Es gibt noch einen dritten Grund, warum wir uns als Professionisten mit dieser Variante der Kontaktverweigerung schwer tun. So unbestreitbar sie eine für das Kind äußerst bedenkliche Entwicklung einleitet und daher als pathogene Form der Trennungsverarbeitung betrachtet werden muss, lässt sich die Trennungsreaktion dieser Kinder selbst, die Kontaktverweigerung, nicht als pathologisches Verhalten klassifizieren. Ja, im Gegenteil: Ich hatte oftmals das Gefühl, dass es sich hier um psychisch besonders gesunde Kinder handelte, die ihren Schmerz nicht passiv hinnehmen, sich nicht einfach unterwerfen und durch Unterdrückung (später Verdrängung) aggressiver Regungen um Liebe buhlen. Und das Ausmaß der Enttäuschung dieser Kinder weist darauf hin, dass sie von den Ereignissen völlig unerwartet betroffen wurden, also zu beiden Eltern nicht nur sehr intensive Beziehungen unterhielten, sondern sich dieser Beziehungen auch ganz sicher waren, also bislang mit einem vergleichsweise geringen Ausmaß von Trennungs- und Verlustängsten fertig werden mussten.
Die klinische Basis für diese letzten Überlegungen ist zur Zeit noch zu schmal, um den Anspruch einer gültigen theoretischen Erkenntnis zu erheben. Sollten sich diese Verallgemeinerungen aber bestätigen, brächte uns das in die paradoxe - und daher gar nicht angenehme - Situation, neben dem uns bisher vertrauten und wohl immer noch zutreffenden theoretischen Satz, dass Kinder eine umso größere Chance haben, mit einer Trennung der Eltern fertig zu werden, je günstiger ihre bisherige psychische Entwicklung verlaufen ist (z.B. bezüglich Urvertrauen, Bindung, Triangulierung, Ich-Stärke/ Konfliktverarbeitungsmechanismen, Kommunikationsfähigkeit), einen anderen theoretischen Satz als gültig anerkennen zu müssen, nämlich dass eine besonders günstige Entwicklung der Kinder unter Umständen die Gefahr, mit der Trennung der Eltern nicht befriedigend - „nicht befriedigend" im entwicklungspsychologischen Sinn - fertig zu werden, auch erhöhen kann.
***
Widersprüche und Paradoxien gehören zur Bewegung des Denkens und also auch zum wissenschaftlichen Denken. Der nächste Schritt wäre die Aufhebung antithetischer Aussagen in einer erweiterten, differenzierten Systematik. Das würde aber nicht nur den (zeitlichen) Rahmen dieses Vertrages sprengen, ich sehe mich zur Zeit noch nicht in der Lage, meine in diese Richtung gehenden Gedanken in Form einer empirisch einigermaßen gesicherten Synthese zu systematisieren. (Vielleicht gelingt es schon das nächste Mal?)
Um Sie aber nicht ganz „Lösungs-los" zu verabschieden, möchte ich doch mit einem an der Praxis orientierten Gedanken schließen.
Die Beschäftigung mit dem Erleben der Kinder hat uns gezeigt, dass das Verhalten, das uns als Beziehungsverweigerung oder „Entfremdung" erscheint, in sehr vielen Fällen nicht nur das Produkt des familiären Beziehungssystems oder gar nur eines „entfremdenden" Elternteils ist, sondern das Kind selbst zum Urheber hat, welches für ein solches Verhalten plausible Gründe in Treffen zu führen hat: Trennungsängste, die Herbeiführung einer Wiedervereinigung, Angst vor Liebesverlust und Vergeltung, Enttäuschungen und schließlich das Gefühl des Verrates einer Liebesbeziehung. Plausibel ist die Reaktion des Kindes, wenn wir berücksichtigen, welche Vorstellung es sich von dem macht, was passiert ist und / oder was als nächstes passieren wird. Denn wenn tatsächlich die Gefahr besteht, einen geliebten Menschen zu verlieren, wenn ich ihn aus den Augen verliere, ist es sinnvoll, ihn nicht zu verlassen - jede Mutter wird im Hinblick auf ihr kleines Kind so handeln; wenn jemand an mir Vergeltung üben will, wäre es dumm, mich ihm auszuliefern; jeder Psychotherapeut würde es als Fortschritt sehen, wenn sein Patient begönne, sich gegen die Zumutungen eines untreuen Partners mit einem „Nein, so nicht" oder „Wenn du mich angeblich immer noch liebst, hättest du dir das früher überlegen sollen!" Widerstand zu leisten; usf. Der Eindruck des Irrationalen oder gar des Pathologischen entsteht nur dann, wenn man das Verhalten des Kindes in Bezug zu einer ganz anderen Situationseinschätzung bringt, etwa jener der Eltern oder eines Beraters: dass die Mutter ja gar nicht verloren ginge, wenn das Kind mit dem Vater geht; dass der Vater dem Kind an der Trennung gar keine Schuld gibt, geschweige denn, sich an ihm rächen möchte; oder auch, dass die Trennung kein Verrat an der Liebesbeziehung mit dem Kind darstellt, weil nun einmal ein Mann und eine Frau nur dann glücklich zusammenleben können, wenn sie durch Liebe und Begehren verbunden sind. Daher bezeichnete ich die Vorstellungen der Kinder auch als Phantasien - „Phantasien" nicht im Sinne des lustvollen und bewussten Überschreitens der Realität wie etwa im Spiel, sondern im Sinne einer, mit der Realität (möglicherweise) nicht übereinstimmenden Version von Realität. Oder anders ausgedrückt: Es geht um Wahrnehmungsmodi.
Wir haben es also nicht bloß mit einem emotionalen Phänomen zu tun, sondern den Gefühlen des Kindes liegt ein kognitiver Prozess zugrunde. Im Gegensatz zu Gefühlen sind aber kognitive Prozesse, Wahrnehmungen diskursiv veränderbar! Wenn z.B. ein Kind seinem Vater aus dem Weg geht, weil es dessen Vergeltung fürchtet, wird es seine Weigerung aufgeben, wenn es davon überzeugt werden könnte, dass es der Vater nach wie vor liebt. Und wenn es zu dieser Überzeugung nicht gelangen kann, weil es doch so große Schuld auf sich geladen hat, müsste es erfahren, gar keine Schuld (an der Trennung) zu haben etc.
Die Kinder der vierten Gruppe, also jene, die sich aus verschiedenen Gründen mit dem Vater nicht wohl fühlen, fallen hier heraus. Wie wir gesehen haben, sind sie ja zumeist nur scheinbar Kontaktverweigerer. Die ganz kleinen Kinder (1. Gruppe) werden ihre Trennungsängste nur über reale Erfahrungen, die ihre Befürchtungen falsifizieren, überwinden können. Die anderen Kinder aber (Gruppe 2,3 und 5) lehren uns, wo wir in der heute üblichen Art, elterliche Trennung zu vollziehen, eines der größten Defizite zu suchen haben, dessen Bedeutung m.E. auch von den meisten Experten in seiner ganzen Tragweite nicht hinreichend gewürdigt wird: Dass der Großteil der Kinder nicht wirklich versteht, was passiert ist; warum die Eltern sich trennten, warum der Vater/die Mutter weggeht usw.
Ich denke, Sie verstehen, dass es mir nicht um die Einforderung jener „Erklärungen" geht, die Eltern üblicherweise ihren Kindern liefern, die - wenn sie überhaupt gegeben werden - gar nichts erklären, weil sich die Kinder darunter nichts vorsteilen können („Weißt du, Mama und Papa verstehen einander nicht mehr, haben sich auseinandergelebt" usw.); weil Sie die Ängste des Kindes erst recht schüren („Wir lieben uns nicht mehr, weil wir so viel gestritten haben!"); oder das Kind völlig irritieren, wenn es von Vater und Mutter unterschiedliche Versionen hört. Es geht mir auch nicht darum, eine „bessere" Art der Erklärung zu finden (da würde uns schon einiges einfallen). Vielmehr meine ich, dass wir es hier geradezu mit einem eigenständigen Projekt der Scheidungs- und Trennungsberatung zu tun haben, das weit über das eine oder andere Gespräch der Eltern mit dem Kind hinausgeht. Zu einem solchen Projekt wird gehören müssen: zunächst den Eltern selbst zu helfen, zu verstehen, was eigentlich mit ihrer Beziehung, mit ihrer ursprünglichen Liebe passiert ist (wie sollten sie es sonst authentisch und glaubhaft den Kindern vermitteln können?); dann muss überlegt werden, was davon, auf welche Weise dem Kind so mitgeteilt werden kann, dass es auch wirklich verstehen kann (besonders schwierig bei sexuellen Problemen); oft müssen in diesem Zusammenhang Scham- und Schuldgefühle der Eltern bearbeitet werden; dann muss eventuell geklärt werden, wie man dem Kind helfen kann, mit den voneinander abweichenden Geschichten von Mutter und Vater umzugehen; es muss darüber nachgedacht werden, welche Fragen, die das Kind hat, dennoch bleiben; es wird vielleicht nötig sein, mit dem Kind Aufklärungsarbeit zu leisten über die Natur der Mann-Frau-Beziehung, über die dunklen, geheimnisvollen und zum Teil unbegreiflichen Seiten der erotischen Liebe; u.a.m.
Je besser es gelingt, den Kindern den durch die Trennung verursachten Bruch ihrer Lebensgeschichte durch eine nachvollziehbare Geschichte dieses Bruches zu kitten, desto geringer wird die Gefahr sein, dass Lücken der Geschichte durch belastende Phantasien gefüllt werden müssen, die die Gefahr der Desintegration bisheriger (auch oder gerade) glücklicher Lebenserfahrungen nach sich ziehen können.
Ich habe der Aufklärung der Kinder über die Trennung ihrer Eltern in den letzten zwei, drei Jahren - mit einigem Erfolg - immer größere Aufmerksamkeit geschenkt. Und zwar nicht nur in der Arbeit mit Paaren, die gerade vor der Trennung stehen und wissen wollten, wie sie „es" ihren Kindern sagen sollen, sondern mitunter auch in der Arbeit mit Eltern, Stiefeltern und Kindern, bei welchen die Trennung schon Jahre zurücklag. Jetzt würde ich Ihnen gerne von einer Dreizehnjährigen erzählen - ihre Eltern hatten sich vor vier Jahren getrennt -, die nach nur einem Gespräch mit der Mutter, das freilich in der Beratung über einige Wochen erarbeitet und vorbereitet wurde, von einem Tag auf den anderen ihre Depression verlor. Aber vielleicht wäre das auch ein Thema für das nächste Mal ...?
Literatur:
Figdor, Helmuth
(1991): Kinder
aus geschiedenen Ehen. Zwischen Trauma und Hoffnung. Mainz (Grünewald),
2001
(1997): Was Kinder in Trennung und Scheidung
brauchen. In: Brauns-Hermann, Christa et al. (Hg.): Ein Kind hat das Recht
auf beide Eltern. Neuwied/Kriftei/Berlin (Luchterhand) 1997
(1998): Scheidungskinder.
Wege der Hilfe. Gießen (Psychosozial), 2000
(2001): Neue Familienformen - und wie geht
es den Kindern? In: Jellenz-Siegel,
B. et al. (Hg.): ... und was ist mit mir? Kinder im Blickpunkt bei
Trennungs- und Verlusterlebnissen. Graz (Rainbows/Steirische Verlagsges.)
2001
(2003) Psychodynamik bei sogenannten "Entfremdungsprozessen"
im Erleben von Kindern - Ein kritischer Beitrag zum PAS-Konzept. In: von
Boch-Galhau, W. et al (Hg.), Das
Parental Alienation Syndrome (PAS). Berlin (VWB) 2003, S. 187-206
Praxis der psychoanalytischen Pädagogik - I. Vorträge und Aufsätze (April 2006)
Praxis der psychoanalytischen Pädagogik - II. Vorträge und Aufsätze (November 2006)
Gardner, Richard M.
(2001): Das elterliche Entfremdungssyndrom. Berlin (VWB) 2002
Wallerstein, J./Blakeslee, S.
(1989): Gewinner und Verlierer. München (Droemer Knaur).
Wallerstein, J./Kelly, J. B.
(1980): Surviving
the breakup. New York (Basic book)
[1] Richard A. Gardner gilt als Vater des PAS-Konzeptes
[2] Vgl. z.B. Gardner 2001: Bei 99 untersuchten Fällen mit PAS-Symptomatik wurde bei 22 Kindern von den Gerichten das Sorgerecht geändert oder der Kontakt mit dem „Entfremder" eingeschränkt, bei 77 Fällen wurde weder das Sorgerecht gewechselt noch der Kontakt mit dem „Entfremder" eingeschränkt. Bei der ersten Gruppe ergab sich bei allen 22 Kindern eine „Besserung oder [ein] Verschwinden der PAS-Symptome", also bei 100 %, bei der 2. Gruppe wurde ein entsprechender Erfolg nur in 7 Fällen (9,1 %) festgestellt (S. 86)
[3] z. B. Figdor 1998
[4] Ein weiterer Aspekt der Triangulierung, der sich allerdings oft erst später entwickelt, ist die Fähigkeit, ein vorübergehendes Ausgeschlossensein zu ertragen, z.B. aus der Beziehung der Eltern zueinander oder eines Elternteils zu einem Dritten, ohne die Angst zu haben, die Liebe des anderen verloren zu haben. (Zur frühkindlichen Triangulierung und den möglichen Störungen im Zusammenhang von Trennung und Scheidung vgl. Figdor 1991 und 2001)
[5] Vgl. etwa die Fallgeschichte von Sascha in Figdor 1998 (S. 241 ff)
[6] Vgl. dazu u.a. Wallerstein / Kelly 1980, Wallenstein / Blakeslee 1989, Figdor 1991
[7] Vgl. auch die interessanten Ergebnisse einer Arbeitsgruppe mit jugendlichen Scheidungskindern (Figdor 1997)
[8] z. B. Figdor 1998
[9] Vgl. Figdor 1998
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