Tagungsdokumentation zur Tagung vom 29./30. April 2002: Elternentfremdung und Kontaktabbruch nach Trennung und Scheidung -
Wirkungsweisen, Rechtsproblematik, Hilfskonzepte
Hrsg. Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren e.V., Köln Juni 2003 - www.kinderschutz-zentrum.org


Helmuth Figdor

Dr. Helmuth Figdor

Wahrnehmungsveränderung bei Kindern. 
Psychische Faktoren in sozialen Konflikten bei Familientrennungen

Überarbeitete Fassung des Vortrags vom 16.4.2002 
Links in eckigen Klammern [ ] wurden für die Online-Version nachgetragen und sind nicht vom Autoren.


Sehr geehrte Damen und Herren!

Gerne bin ich bereit, der von meiner Vorrednerin, Frau Kodjoe [siehe Kodjoe, Ein Überblick zur aktuellen Forschungslage bei Elternentfremdung - kinderschutz-zentrum.org/ksz_a-material-mainz_2002.html oder vafk-wiesbaden.de/informationen_varia/Kodjoe2002.htm], ausgesprochenen Aufforderung zur Kooperation - und zwar nicht nur der Kooperation zwischen den an einem konkreten Fall engagierten Experten, sondern auch der Kooperation unterschiedlicher theoretischer Sichtweisen - zu folgen. Als wissenschaftlich denkender Mensch meine ich jedoch, dass bei aller Kooperationsbereitschaft die Kontroverse nicht fehlen darf, wenn es darum geht, theoretische Klarheit zu gewinnen. Und gerade im Hinblick auf das Thema dieser Tagung scheint es mir wichtig zu sein, grundsätzliche theoretische Differenzen nicht aus dem Auge zu verlieren. Denn von der ursprünglichen Konzeption des „Parental Alienation Syndroms" (PAS) [Übersicht] zur distanzierten systemischen Sichtweise, wie wir sie eben von Frau Kodjoe hören durften, führt kein einfacher, linearer Entwicklungsweg. Was sie uns - viel zu bescheiden - als Erweiterung des PAS-Konzeptes präsentierte, beinhaltet - freilich unausgesprochen - eine radikale Kritik an den Grundannahmen des PAS-Konzepts. Ich möchte daher dem eigentlichen Thema meines Vertrages ein paar Bemerkungen zum PAS-Konzept (das ich in seiner ursprünglichen Fassung für theoretisch und wissenschaftstheoretisch unhaltbar und in den aus ihm gezogenen praktischen Konsequenzen pädagogisch wie ethisch in hohem Maße bedenklich bis gefährlich betrachte) vorausschicken.

1. Kritische Anmerkungen zum Konzept des „Parental Alienation Syndrom" (PAS)

Der problematische Behaviorismus des PAS-Konzepts

Der psychiatrische Ansatz des PAS-Konzepts

2. Subjektive Gründe von Kindern, den Kontakt zum abwesenden Elternteil zu verweigern

Widersprüche und Paradoxien gehören zur Bewegung des Denkens und also auch zum wissenschaftlichen Denken. Der nächste Schritt wäre die Aufhebung antithetischer Aussagen in einer erweiterten, differenzierten Systematik. Das würde aber nicht nur den (zeitlichen) Rahmen dieses Vertrages sprengen, ich sehe mich zur Zeit noch nicht in der Lage, meine in diese Richtung gehenden Gedanken in Form einer empirisch einigermaßen gesicherten Synthese zu systematisieren. (Vielleicht gelingt es schon das nächste Mal?)

Um Sie aber nicht ganz „Lösungs-los" zu verabschieden, möchte ich doch mit einem an der Praxis orientierten Gedanken schließen.

Die Beschäftigung mit dem Erleben der Kinder hat uns gezeigt, dass das Verhalten, das uns als Beziehungsverweigerung oder „Entfremdung" erscheint, in sehr vielen Fällen nicht nur das Produkt des familiären Beziehungssystems oder gar nur eines „entfremdenden" Elternteils ist, sondern das Kind selbst zum Urheber hat, welches für ein solches Verhalten plausible Gründe in Treffen zu führen hat: Trennungsängste, die Herbeiführung einer Wiedervereinigung, Angst vor Liebesverlust und Vergeltung, Enttäuschungen und schließlich das Gefühl des Verrates einer Liebesbeziehung. Plausibel ist die Reaktion des Kindes, wenn wir berücksichtigen, welche Vorstellung es sich von dem macht, was passiert ist und / oder was als nächstes passieren wird. Denn wenn tatsächlich die Gefahr besteht, einen geliebten Menschen zu verlieren, wenn ich ihn aus den Augen verliere, ist es sinnvoll, ihn nicht zu verlassen - jede Mutter wird im Hinblick auf ihr kleines Kind so handeln; wenn jemand an mir Vergeltung üben will, wäre es dumm, mich ihm auszuliefern; jeder Psychotherapeut würde es als Fortschritt sehen, wenn sein Patient begönne, sich gegen die Zumutungen eines untreuen Partners mit einem „Nein, so nicht" oder „Wenn du mich angeblich immer noch liebst, hättest du dir das früher überlegen sollen!" Widerstand zu leisten; usf. Der Eindruck des Irrationalen oder gar des Pathologischen entsteht nur dann, wenn man das Verhalten des Kindes in Bezug zu einer ganz anderen Situationseinschätzung bringt, etwa jener der Eltern oder eines Beraters: dass die Mutter ja gar nicht verloren ginge, wenn das Kind mit dem Vater geht; dass der Vater dem Kind an der Trennung gar keine Schuld gibt, geschweige denn, sich an ihm rächen möchte; oder auch, dass die Trennung kein Verrat an der Liebesbeziehung mit dem Kind darstellt, weil nun einmal ein Mann und eine Frau nur dann glücklich zusammenleben können, wenn sie durch Liebe und Begehren verbunden sind. Daher bezeichnete ich die Vorstellungen der Kinder auch als Phantasien - „Phantasien" nicht im Sinne des lustvollen und bewussten Überschreitens der Realität wie etwa im Spiel, sondern im Sinne einer, mit der Realität (möglicherweise) nicht übereinstimmenden Version von Realität. Oder anders ausgedrückt: Es geht um Wahrnehmungsmodi.

Wir haben es also nicht bloß mit einem emotionalen Phänomen zu tun, sondern den Gefühlen des Kindes liegt ein kognitiver Prozess zugrunde. Im Gegensatz zu Gefühlen sind aber kognitive Prozesse, Wahrnehmungen diskursiv veränderbar! Wenn z.B. ein Kind seinem Vater aus dem Weg geht, weil es dessen Vergeltung fürchtet, wird es seine Weigerung aufgeben, wenn es davon überzeugt werden könnte, dass es der Vater nach wie vor liebt. Und wenn es zu dieser Überzeugung nicht gelangen kann, weil es doch so große Schuld auf sich geladen hat, müsste es erfahren, gar keine Schuld (an der Trennung) zu haben etc.

Die Kinder der vierten Gruppe, also jene, die sich aus verschiedenen Gründen mit dem Vater nicht wohl fühlen, fallen hier heraus. Wie wir gesehen haben, sind sie ja zumeist nur scheinbar Kontaktverweigerer. Die ganz kleinen Kinder (1. Gruppe) werden ihre Trennungsängste nur über reale Erfahrungen, die ihre Befürchtungen falsifizieren, überwinden können. Die anderen Kinder aber (Gruppe 2,3 und 5) lehren uns, wo wir in der heute üblichen Art, elterliche Trennung zu vollziehen, eines der größten Defizite zu suchen haben, dessen Bedeutung m.E. auch von den meisten Experten in seiner ganzen Tragweite nicht hinreichend gewürdigt wird: Dass der Großteil der Kinder nicht wirklich versteht, was passiert ist; warum die Eltern sich trennten, warum der Vater/die Mutter weggeht usw.

Ich denke, Sie verstehen, dass es mir nicht um die Einforderung jener „Erklärungen" geht, die Eltern üblicherweise ihren Kindern liefern, die - wenn sie überhaupt gegeben werden - gar nichts erklären, weil sich die Kinder darunter nichts vorsteilen können („Weißt du, Mama und Papa verstehen einander nicht mehr, haben sich auseinandergelebt" usw.); weil Sie die Ängste des Kindes erst recht schüren („Wir lieben uns nicht mehr, weil wir so viel gestritten haben!"); oder das Kind völlig irritieren, wenn es von Vater und Mutter unterschiedliche Versionen hört. Es geht mir auch nicht darum, eine „bessere" Art der Erklärung zu finden (da würde uns schon einiges einfallen). Vielmehr meine ich, dass wir es hier geradezu mit einem eigenständigen Projekt der Scheidungs- und Trennungsberatung zu tun haben, das weit über das eine oder andere Gespräch der Eltern mit dem Kind hinausgeht. Zu einem solchen Projekt wird gehören müssen: zunächst den Eltern selbst zu helfen, zu verstehen, was eigentlich mit ihrer Beziehung, mit ihrer ursprünglichen Liebe passiert ist (wie sollten sie es sonst authentisch und glaubhaft den Kindern vermitteln können?); dann muss überlegt werden, was davon, auf welche Weise dem Kind so mitgeteilt werden kann, dass es auch wirklich verstehen kann (besonders schwierig bei sexuellen Problemen); oft müssen in diesem Zusammenhang Scham- und Schuldgefühle der Eltern bearbeitet werden; dann muss eventuell geklärt werden, wie man dem Kind helfen kann, mit den voneinander abweichenden Geschichten von Mutter und Vater umzugehen; es muss darüber nachgedacht werden, welche Fragen, die das Kind hat, dennoch bleiben; es wird vielleicht nötig sein, mit dem Kind Aufklärungsarbeit zu leisten über die Natur der Mann-Frau-Beziehung, über die dunklen, geheimnisvollen und zum Teil unbegreiflichen Seiten der erotischen Liebe; u.a.m.

Je besser es gelingt, den Kindern den durch die Trennung verursachten Bruch ihrer Lebensgeschichte durch eine nachvollziehbare Geschichte dieses Bruches zu kitten, desto geringer wird die Gefahr sein, dass Lücken der Geschichte durch belastende Phantasien gefüllt werden müssen, die die Gefahr der Desintegration bisheriger (auch oder gerade) glücklicher Lebenserfahrungen nach sich ziehen können.

Ich habe der Aufklärung der Kinder über die Trennung ihrer Eltern in den letzten zwei, drei Jahren - mit einigem Erfolg - immer größere Aufmerksamkeit geschenkt. Und zwar nicht nur in der Arbeit mit Paaren, die gerade vor der Trennung stehen und wissen wollten, wie sie „es" ihren Kindern sagen sollen, sondern mitunter auch in der Arbeit mit Eltern, Stiefeltern und Kindern, bei welchen die Trennung schon Jahre zurücklag. Jetzt würde ich Ihnen gerne von einer Dreizehnjährigen erzählen - ihre Eltern hatten sich vor vier Jahren getrennt -, die nach nur einem Gespräch mit der Mutter, das freilich in der Beratung über einige Wochen erarbeitet und vorbereitet wurde, von einem Tag auf den anderen ihre Depression verlor. Aber vielleicht wäre das auch ein Thema für das nächste Mal ...?


Literatur:

Fußnoten


Elternentfremdung, Kontaktabbruch, Trennung, Scheidung, PAS, Parental Alienation Syndrome, PAS-Konzept, Kritik, Sorgerecht, Sorgerechtsänderung, Umgangsrecht, Verweigerung, Ursachen, Richard Gardner, Loyalitätskonflikt, Kontaktverweigerung, Umgangsboykott, Bindungstoleranz, Bindungsakzeptanz, Entfremdungssyndrom, induzierte Elternentfremdung, Kindeswille, Manipulation